Kirchheim

Einfach nur weg von hier

Buchpremiere Die Bestseller-Autorin Elisabeth Kabatek präsentiert im Dettinger „one.buchcafé“ ihren neuen Roman „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“. Von Günter Kahlert

Autorin Elisabeth Kabatek gab sich bei ihrer Lesung in Dettingen authentisch.Foto: Günter Kahlert
Autorin Elisabeth Kabatek gab sich bei ihrer Lesung in Dettingen authentisch.Foto: Günter Kahlert

Ein bisschen nervös ist sie vorher schon. „Das geht mir immer so, wenn ich mit einem neuen Buch das erste mal vor‘s Publikum gehe“, erzählt Elisabeth Kabatek am Signiertisch von ihrem Lampenfieber. Das Ambiente ist ihr sehr vertraut, Inhaber Stefan Fink begrüßt die Autorin als „Stammgast“ im Buchcafé, sie selbst nennt es „fast schon Heimat“. Die meisten ihrer Bücher wie „Brezeltango“ oder „Zur Sache Schätzle!“ hat sie auch in Dettingen ihren begeisterten Leserinnen vorgestellt.

Als „schwäbische Frauenromane“ werden ihre Bücher oft einsortiert, auch wenn die Stuttgarterin Schubladen nicht mag. Aber die Geschichten aus der Perspektive ihrer Hauptfiguren Line oder Emma sprechen logischerweise überwiegend eine weibliche Leserschaft an. Pleiten, Pech und Pannen des Alltags lassen sich für Frauen aus dieser Sichtweise wundervoll nachvollziehen oder nachempfinden.

Ihr neuer Roman „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“ knüpft an keinen ihrer Bestseller an, es ist eine ganz eigene Geschichte. Drei Menschen aus Stuttgart, die einfach nur alles hinschmeißen und weg möchten, treffen zufällig an einer Autobahnraststätte aufeinander und setzen ihre Reise gemeinsam fort: Luise, Mitte 70, wurde jahrelang von ihrem Mann betrogen. Jan, 50, flieht vor der Midlife-Crisis und die dreißigjährige Sabrina ist gerade mit dem besten Freund ihres Freundes im Bett gelandet. Schnell geht dem verrückt normalen Trio das Geld aus: Sabrina hat ihre EC-Karte zuhause liegen lassen, Jans Frau hat das Konto gesperrt, und Luise hat ihren Bargeldkoffer im verpassten Reisebus hinterlassen. Die Geldbeschaffungsmaßnahmen sind dann reichlich unkonventionell, schon bald nimmt die Polizei die Verfolgung auf.

Kein fünfter Band also über die Erlebnisse von Line, eigentlich Pipeline Praetorius, im Stuttgarter Umfeld. „Ich wollte schon lange ein ´Roadmovie´schreiben“, erzählt Elisabeth Kabatek über die Motivation zu ihrem neuen Buch. Der Begriff „Roadmovie“ stammt eigentlich aus dem Amerika der 60er Jahre. Es sind Filme und Geschichten, deren Handlung überwiegend auf Landstraßen und Highways spielt, die Reise steht immer für die Suche nach Freiheit und Identität der Hauptfiguren. Und so schickt Elisabeth Kabatek Luise, Jan und Sabrina quer durch die Republik, auf der Suche nach sich selbst.

Sehr persönlich wird der Abend, als Elisabeth Kabatek über die Entstehungsgeschichte ihres jüngsten Buches erzählt. Wie sie mit den Figuren ringt, wie ihr einfach nichts einfallen will, wie sie ihre Lektorin immer wieder mit fadenscheinigen Ausreden vertröstet. Erst als sie die komplette Tour des Trios selbst abfährt, alle Orte der Handlung akribisch in Augenschein nimmt, platzt der Knoten. Luise, Jan und Sabrina bekommen Konturen und Charakter - sie beginnen im Kopf der Autorin zu leben. „Das hätte ich eigentlich als erstes machen sollen, vieles wäre klarer und einfacher geworden“, resümiert Elisabeth Kabatek.

Hier lässt sie einen Blick in ihr Seelenleben zu. Die Perfektionistin, die Zweiflerin, der Kampf mit dem Selbstbewusstsein. Selbst wenn die Lektorin des Verlags komplette Textteile großartig findet und ohne jegliche Korrekturen übernimmt, bleibt der Zweifel, ob es wirklich gut genug ist. Und dieser Blick auf sie ist authentisch: „Ich habe das vorher noch nie gemacht, dass ich bei Lesungen so persönliche Empfindungen preisgegeben habe“, erzählt sie im Gespräch. Dieser Blick auf die Autorin könnte angesichts der gelegentlichen Situationskomik auch aus einem ihrer Bücher stammen: witzig, einfallsreich und durchaus auch selbstironisch.

Wie viel Arbeit steckt denn wirklich in ihren Büchern, die sich so locker, leicht und amüsant lesen? Sie seufzt, „da steckt richtig viel Arbeit drin, monatelange Recherche, jedes Detail muss stimmen, jeder Ort der Handlung muss echt sein.“ Da ist sie wieder, die Perfektionistin. Dass diese Art von Literatur von „seriösen“ Feuilletonisten trotzdem nicht beachtet, nicht ernst genommen wird, ärgert sie zwar, kann ihr aber inzwischen egal sein. Obwohl von den meisten Kulturredaktionen geflissentlich ignoriert, hatte sich ihr Erstling „Laugenweckle zum Frühstück“ 2008 auf Anhieb zum Bestseller entwickelt. Seitdem warten ihre Fans sehnsüchtig auf Neues aus Stuttgart.

Eine Fortsetzung wird ihr „Roadmovie“ mit Sabrina, Jan und Luise nicht haben. „Es war richtig traurig von den Figuren Abschied zu nehmen“, schildert die Autorin ihre Empfindungen beim Entschluss, aus „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“ keinen Fortsetzungsroman zu machen. Geht es dann demnächst wenigstens mit Line weiter, also eine Fortsetzung von „Zur Sache Schätzle!“? Sie zögert kurz, dann „Ich weiß es nicht, bisher habe ich keinen Plan.“ Jetzt konzentriert sie sich erst mal auf die Tour mit ihrem aktuellen Buch.

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