Kirchheim

Einnahmen aus Zinsen schmelzen

Finanzen Die Volks- und Raiffeisenbanken wachsen, doch der Gewinn geht zurück. Künftig sollen alle Vertriebskanäle miteinander vernetzt sein. Von Harald Flößer

Mit dem Smartphone Geld abheben - das gehört auch bei den Volks- und Raiffeisenbanken zum Service, wie Bruno Foldenauer, Heinz F
Mit dem Smartphone Geld abheben - das gehört auch bei den Volks- und Raiffeisenbanken zum Service, wie Bruno Foldenauer, Heinz Fohrer und Martin Winkler (von links) demonstrieren. Foto: pr

Das Geschäftsvolumen wächst zwar stetig, aber das Zinsergebnis nimmt weiter ab. So stellt sich die Situation der neun Volks- und Raiffeisenbanken im Landkreis Esslingen dar. Heinz Fohrer, Vorsitzender der Bezirksvereinigung und Vorstandsmitglied der Volksbank Esslingen, sprach am Montag von guten Zahlen für das Geschäftsjahr 2017. Dazu gehöre aber auch ein Wermutstropfen: Aufgrund des anhaltend extrem niedrigen Zinsniveaus nähmen die Gewinnmargen immer weiter ab. Deshalb sei man mehr denn je gezwungen, Produktivität und Effektivität zu steigern. Trotz aller Veränderungen werde man an der regionalen Verwurzelung, der Stärke der genossenschaftlichen Banken, festhalten.

Man werde in der Fläche präsent bleiben, versprach Fohrer. Dazu gehöre aber zwingend der Ausbau der digitalen Angebote, um den Zahlungsverkehr für die mehr als 314 000 Kunden noch sicherer und bequemer zu gestalten. Alle Vertriebskanäle, ob auf der persönlichen Ebene oder über Online-Banking sollen durchlässig und miteinander vernetzt sein. Das neue „Omni-Kanal-Modell“ sei auf größtmögliche Flexibilität ausgelegt, sagte Fohrer. Nach seiner Einschätzung werden bis 2020 etwa 15 Prozent der Kunden bei den Bankgeschäften nur noch online unterwegs sein. 25 Prozent setzten ausschließlich auf persönliche Beratung, 60 Prozent bewegten sich zwischen beiden Welten.

Überweisungen übers Smartphone erledigen, auf dem Heimweg das elektronische Postfach abrufen oder Daueraufträge einfach aus dem Urlaub ändern - das digitale Banking sei aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken, so Martin Winkler, Vorstandsmitglied der Volksbank Kirchheim-Nürtingen. Bei den Genossenschaftsbanken im Kreis nutzten 2017 über 100 000 Kunden regelmäßig das Online-Banking. Das seien 6,5 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Rasant nach oben gegangen sei die Zahl der Nutzer des elektronischen Postfachs, um 40 Prozent auf fast 56 000 Kunden, berichtete Winkler. Dieses veränderte Zahlungsverhalten habe auch Auswirkungen auf die Erreichbarkeit der Bank, ergänzte Bruno Foldenauer, Vorstandssprecher der VR-Bank Hohenneuffen-Teck. Man habe in etlichen Filialen die Öffnungszeiten angepasst. Außerdem werde man über die Zusammenlegung von Bank-Filialen nachdenken, so Foldenauer. „Wir müssen uns auf dieses veränderte Kundenverhalten einstellen.“ Doch werde es keinen radikalen Schnitt geben, sagte er. „Wir gehen da behutsam vor.“

Mit der Geschäftsentwicklung könne man insgesamt zufrieden sein, erklärte Bezirksvorsitzender Fohrer. Das Volumen der Kundenkredite sei auf 4,7 Milliarden Euro gestiegen. Das bedeute ein Plus von 3,6 Prozent. Im Anlagegeschäft verzeichnete man ein Wachstum von 5,4 Prozent auf 5,7 Milliarden Euro. Die Bilanzsumme konnte man auf 7,2 Milliarden Euro steigern, was ein Wachstum von 4,1 Prozent bedeutet. Der Zinsüberschuss ist auf 146 Millionen Euro zurückgegangen. Das ist gegenüber 2016 ein Minus von 1,8 Prozent. Bei den Provisionen legte man um 13,17 Prozent auf 44 Millionen Euro zu. Die Bilanzprüfungen in den einzelnen Volks- und Raiffeisenbanken sind noch nicht abgeschlossen. Aber voraussichtlich bleibt für 2017 unterm Strich ein Gesamtgewinn von 14,1 Millionen Euro - 1,1 Prozent weniger als 2016.

Nochmals zugenommen hat die Bürokratie beim Verkauf von Wertpapieren. Alles müsse bis ins Kleinste dokumentiert werden, berichtete Bezirksvorsitzender Fohrer. „Das ist ein hanebüchener Aufwand.“ Die meisten Kunden nähmen das zum Glück sehr gelassen hin. Positiv bewertet man bei den Volks- und Raiffeisenbanken den ungebrochenen Optimismus der Wirtschaft, der auch im Landkreis Esslingen feststellbar sei. Laut IHK Stuttgart sind die Geschäftserwartungen für 2018 überdurchschnittlich gut. 29 Prozent der Unternehmen rechneten mit einem Plus.

Geschäftsjahr 2017: Alle Zahlen auf einen Blick

Die neun Volks- und Raiffeisenbanken im Landkreis Esslingen betreiben insgesamt 76 Filialen. Außerdem gibt es 20 Selbstbedienungs-Standorte.

Die wichtigsten Kennzahlen (in Klammern die Veränderungen gegenüber dem Jahr 2016): Bilanzsumme: 7,2 Mrd. Euro (+ 4,1 %) Kredite: 4,7 Mrd. Euro (+ 3,6 %) Anlagen: 5,7 Mrd. Euro (+ 5,4 %) Zinsüberschuss: 146 Mio. Euro (- 1,8 %) Provisionsüberschuss: 44 Mio. Euro (+13,2 %) Bilanzgewinn: 14,1 Mio. Euro (-1,1 %) Mitarbeiter: 921 (- 3,3 %) Mitglieder: 155 308 (+ 0,9 %)

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