Kirchheim

Eltern und Gemeinden hängen in der Luft

Einschulung Die Kommunen schlagen Alarm, weil der Stichtag per Gesetz vorgezogen werden soll. Ihnen fehlen dafür die Kindergartenplätze. Von Anke Kirsammer

Der erste Schultag bedeutet für Kinder den Start in einen neuen Lebensabschnitt. In welchem Alter sie schulpflichtig werden, legen die Bundesländer fest. In rund der Hälfte liegt der Stichtag Ende Juni. Foto: Jean-Luc Jacques

Besucht mein Kind nur noch ein Jahr den Kindergarten oder doch noch zwei, schicke ich es in die Vorschule, und muss es womöglich für das letzte Jahr den Kindergarten wechseln? – Fragen, die nicht nur Eltern in Kirchheim umtreiben, deren Sprösslinge nach dem derzeitigen Gesetz 2020 eingeschult werden müssten, nach der vom Kultusministerium geplanten Gesetzesänderung aber erst 2021. Weil die baden-württembergische Landesregierung beabsichtigt, im kommenden Jahr den Einschulungsstichtag vom 30. September auf den 30. Juni vorzuziehen, hängen viele Eltern in der Luft. Städte und Gemeinden beschäftigt, wie sie genügend Kindergartenplätze aus dem Hut zaubern sollen. Denn ohne großen Vorlauf müssten sie im nächsten Jahr ein Viertel eines Jahrgangs mehr in den Kindergärten unterbringen.

„Die Gemeinden haben aus der Presse von dem Vorhaben des Ministeriums erfahren, den Stichtag zu verlegen“, sagt der Lenninger Hauptamtsleiter Günther Kern empört. Auch die Trägerverbände der Kindertagesstätten seien bass erstaunt, dass die Umsetzung so schnell kommen und der Stichtag in einem Rutsch um drei Monate vorgezogen werden soll. „Besser wäre, es schrittweise zu machen“, so Günther Kern. Die „Hauruckaktion“ stelle die Kindergartenträger vor heftigste Probleme. Viele Gruppen sind brechend voll. In Lenningen beispielsweise gibt es seit einigen Jahren eine steigende Zahl von Geburten und Zuzügen. Schon jetzt muss man im Rathaus jonglieren, um für sämtliche Kinder eine Betreuung hinzubekommen. „Wenn noch einmal ein Viertel eines Jahrgangs dazukommt, ist das kein Spaß“, betont Günther Kern.

Von Juli bis September werden in Lenningen im kommenden Jahr gut 20 Kinder sechs Jahre alt. Sie könnten dann laut dem neuen Gesetz ein Jahr länger im Kindergarten bleiben, als bisher angenommen. Kern geht davon aus, dass deshalb eine weitere Gruppe aufgemacht werden müsste. Insgesamt hat die Gemeinde rund 300 Plätze für Über-Dreijährige. „Ich frage mich, was sich das Ministerium bei seinem Vorschlag denkt. Unsere Gruppen sind dermaßen voll, irgendetwas müssen wir uns da überlegen“, so der Hauptamtsleiter. Die so unglaublich kurzfristige Neuregelung stelle nicht nur Lenningen, sondern wahrscheinlich auch fast alle anderen Städte und Gemeinden vor fast unlösbare Probleme. „Und dies noch vor dem Hintergrund des herrschenden Personalmangels.“ Für die äußerst komplizierte Bedarfsplanung hat die Gemeinde ohnehin ein externes Büro beauftragt. Kern ist nun gespannt auf dessen Lösungsvorschläge.

„Der Bildungsbereich ist immer in Bewegung, von daher schockt mich gar nichts mehr“, sagt Michaela Göhler-Bald, die Leiterin der Abteilung Bildung bei der Kirchheimer Stadtverwaltung. „Das Gesetz wird in allen Kommunen ein Problem, weil es so unerwartet kommt.“ Sie wolle sich in den nächsten Wochen und Monaten anschauen, wie die zusätzlichen Plätze geschaffen werden können. „Da müssen wir natürlich reagieren.“ Die große Frage ist für sie jedoch,
wie die Eltern mit der neuen Regelung umgehen, sprich, ob sie ihre „Sommerkinder“ dennoch mit sechs oder gar fünf Jahren in die Schule schicken oder sie entsprechend dem neuen Gesetz ein Jahr später einschulen. Die Situation in den Kirchheimer Kindergärten bezeichnet Michaela Göhler-Bald generell als angespannt. „Wir laufen in den Einrichtungen jetzt schon voll.“ Dennoch gibt sie sich optimistisch, Lösungen zu finden. Ein Problem sei eher, die notwendigen Mitarbeiter an Land zu ziehen.

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