Kirchheim

Entwurzelung kann psychisch krank machen

Christian Jacob, Chefarzt der Psychiatrie am Klinikum Kirchheim-Nürtingen, zu Traumata von Asylbewerbern

Christian Jacob, Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Kirchheim-Nürtingen sieht wachsenden Therapiebedarf bei Flüchtlingen.

Professor Dr. Christian Jacob leitet seit 2013 die psychiatrischen Abteilungen der Kreiskliniken in Nürtingen und Kirchheim, die
Professor Dr. Christian Jacob leitet seit 2013 die psychiatrischen Abteilungen der Kreiskliniken in Nürtingen und Kirchheim, die ab Januar 2017 in Kirchheim zusammengeführt werden. Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Die Rate psychischer Erkrankungen ist bei Flüchtlingen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich höher. Wie stark macht sich das bei Ihnen in der Klinik bemerkbar?
CHRISTIAN JACOB: Flüchtlinge sind eine Hochrisikogruppe. Noch macht sie sich zahlenmäßig bei uns kaum bemerkbar, es sind meist zwei oder drei unserer Patienten, die aktuell stationär behandelt werden. Aber das wird sich ändern. Psychische Erkrankungen sind überall auf der Welt häufig. Am höchsten ist die Krankheitshäufigkeit für Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen. Einflussfaktoren wie Entwurzelung, Vertreibung und Heimatlosigkeit erhöhen das Risiko, psychisch zu erkranken zusätzlich. Spezifische Traumafolgestörungen treten bei Flüchtlingen auf, die Ex­tremes durchgemacht haben.

Aber noch kommen wenige Flüchtlinge bei Ihnen an.
JACOB: Es ist eine Frage des Aufsucheverhaltens. Die Menschen müssen sich erst hier zurechtfinden. Sie sind noch mit existenzielleren Fragen beschäftigt: Kann ich hier bleiben? Was passiert mit meinen Angehörigen? Bislang werden vor allem Patienten mit auffälligem Verhalten beziehungsweise nach Krisensituationen aus den Flüchtlingsunterkünften zu uns gebracht, von der Polizei oder dem Notarzt.

Die Deutsche Gesellschaft für Psy­chiatrie und Psychotherapie hat vorgeschlagen, dass Flüchtlinge gleich  in der Erstunterkunft auf psychische Probleme hin untersucht werden.
JACOB: So ein präventiver Ansatz wäre wünschenswert, aber ein Schnell-Screening ist angesichts der sprachlichen Vielfalt schwer machbar. Zudem ist Prävention bisher in Deutschland keine Krankenkassenleistung.

Welche Krankheitsbilder zeigen die Flüchtlinge, die zu Ihnen kommen, vor allem auf?
JACOB: Im Vordergrund stehen Psychosen und Intoxikationen mit Drogen und Alkohol. Posttraumatische Störungen sind bislang bei der Notfallbehandlung kaum aufgetaucht. Diese längerfristigen und komplexen Therapien bedürfen der Genehmigung, die im Allgemeinen erst nach Erteilung des Bleiberechts erfolgt.

Das heißt, die schwierigen Fälle sind bei Ihnen noch nicht angekommen?
JAKOB: Menschen, die eine posttraumatische Belastungsstörung haben, können das längere Zeit mit sich herumtragen. Der Mensch verfügt über Kompensationsmechanismen. Oft ist es ein stilles, innerliches Leiden. Der Betroffene leidet eventuell unter Wiedererinnerungen, Schlafstörungen oder Anspannung, aber das führt selten zu starken Auffälligkeiten oder zwischenmenschlichen Problemen, sodass die Mitarbeiter der Unterkunft nicht darauf aufmerksam werden.

Aber es gibt psychische Krankheitsbilder, die durch die Umstände in den Unterkünften verstärkt werden und zu Ärger führen?
JACOB: Man kann nicht sagen, dass die Unterbringung krank macht. Aber das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen Eigenheiten, Religionen und Kulturen, vor allem auf engstem Raum, fördert zwischenmenschliche Konflikte. Enge führt zu Aggressionen, das ist etwas Normales. Bei psychotischen Menschen kann das schneller gehen und sich dramatisch zeigen. Man geht davon aus, dass ein bis drei Prozent der Menschen eine genetische Disposition zur Psychose haben. Unter Flüchtlingen gibt es nicht mehr Psychotiker. Situative Faktoren können allerdings den Zeitpunkt der Erkrankung beeinflussen und die Gesundung erschweren. Psychotiker haben eine Reizfilter-Störung. Sie brauchen mehr Abstand und sind in großen Unterkünften denkbar schlecht aufgehoben. Auch Menschen mit posttraumatischen Störungen können zu aggressivem Verhalten neigen, da Ereignisse in den Unterkünften traumatisches Erleben reaktivieren können. Betroffene werden in die traumatische Situation zurückversetzt, fürchten erneut um ihr Leben und reagieren mit Gewalttätigkeit – diese Erfahrungen hat man auch mit Kriegsveteranen gemacht.

Wie wirken sich das Nichtstun und die ungeklärte Zukunft auf die psychische Verfassung aus?
JACOB: Jeder Mensch hat zunächst eine individuelle Disposition, psychisch zu erkranken. Ungünstige oder extreme Situationen können diese Veranlagung aktivieren. Etwa 30 Prozent aller Menschen geraten im Laufe des Lebens in eine depressive Phase. Manchmal bringen die Flüchtlinge noch körperliche Erkrankungen oder Versehrtheit mit, die ihr Leid noch um eine weitere Dimension vergrößern.

Kommen denn viele Flüchtlinge mit Depressionen und Selbstgefährdung zu Ihnen?
JACOB: Psychische Erkrankungen werden, wenn die Unterstützung durch Familie und Freunde gescheitert ist, durch Allgemeinmediziner behandelt. Erst wenn das nicht ausreicht, wird der Psychiater hinzugezogen. Bei akuter Gefahr eines Suizids erfolgt eine Klinikeinweisung.

Was können Landratsamt, Kommune, Heimleitung und Ehrenamt zur Unterstützung und zur Prävention beitragen?
JACOB: Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel persönliches Engagement die Ehrenamtlichen und die Hauptamtlichen leisten. Das Landratsamt ist großzügig bei der Gewährung von sinnvollen Behandlungen. Im Landratsamt gibt es eine Arbeitsgruppe, die eine qualifizierte Hilfestruktur schwer traumatisierter Menschen vorbereitet. Laienhelfer haben Grenzen, wenn es um Menschen mit Kriegstraumata geht. Es ist unsere Verantwortung, sie zu schützen, damit sie selbst keinen Schaden davontragen.

Wie kommen Sie und Ihre Kollegen mit der Sprachbarriere klar?
JACOB: Wenn jemand von einer Einrichtung gebracht wird, ist immer ein Dolmetscher dabei. Und wir haben zum Glück zwei arabisch sprechende Ärzte und eine türkisch sprechende Psychologin. Viele der Flüchtlinge sprechen Englisch oder Französisch. Aber die Sprachenvielfalt wird bei längerfristigen Therapien noch ein großes Thema werden. Es betrifft die Kernfrage der psychiatrischen Arbeit: Weichen sprachlicher und mimischer Ausdruck voneinander ab? Welche Reaktionen erfolgen auf Fragen? Hier sind umfassendes Verständnis von Sprache und Kultur essenziell.

Erschweren kulturelle Unterschiede den Zugang der Patienten zu Ihnen und umgekehrt?
JACOB: Syrien hatte ein anscheinend hervorragendes Facharztsystem, deshalb wundern sich manche syrische Patienten, warum nicht primär die Vorstellung beim Facharzt erfolgt. Manche Symptome, die wir als wahnhaft einschätzen, hängen mit kulturellen Eigenheiten zusammen. In manchen Nationen kennt man Ahnenkulte, das sollte ein Arzt wissen. Die Äußerung „Ich liebe ihn“ kann eine akzeptierte Form des Respekts sein. Es gibt auch unterschiedliche Auffassungen, wie man eine Krankheit beim Arzt präsentiert oder mit den Folgen für die Familie umgeht. Der Umgang mit Menschen aus fremden Ländern macht die Arbeit he­rausfordernd, aber auch spannend. Neugierde und Offenheit gegenüber Menschen sind Grundvoraussetzungen für jeden Psychiater.

Sie haben angedeutet, dass die große Aufgabe noch bevorsteht.
JACOB: Das ganze Ausmaß wird sich in ein, zwei Jahren zeigen, wenn die Asylbewerber sich körperlich von der Flucht erholt und die Behandlungsmöglichkeiten kennengelernt haben. Unsere jetzigen Patienten sind dankbar für jede Behandlung, auch mit Psychopharmaka, denn die stellen in vielen Ländern die Therapie der ersten Wahl dar. Aber posttraumatische Krankheiten lassen sich mit Pharmaka begrenzt behandeln. Und die sozialen Ressourcen der meisten Flüchtlinge sind gering, sie haben niemanden, keine Familie, die Halt gibt. Ein Teil dieser Menschen wird längerfristige psychotherapeutische Behandlungen benötigen. Und wir haben in Deutschland heute schon lange Wartezeiten.

Was muss nun im Gesundheitswesen passieren?
JACOB: Es wird der Punkt kommen, an denen wir spezifisch ausgebildete Ärzte für Kriegstraumata benötigen, die wir in Deutschland seit dem Weltkrieg in diesem Umfang nicht mehr hatten. Dafür und auch für die übrigen Erkrankungen brauchen wir muttersprachliche Therapeuten, um die zeitaufwendige Arbeit mit Dolmetschern zu vermeiden, und damit nicht eine dritte Person die therapeutische Beziehung stört. Doch die Ausbildung von Psychotherapeuten und Psychiatern dauert Jahre.


Die Unterkunftsbedingungen, hier die Sporthalle Esslingen-Zell, können Aggressionen und Depressionen auslösen.Archiv-Foto: Rober
Die Unterkunftsbedingungen, hier die Sporthalle Esslingen-Zell, können Aggressionen und Depressionen auslösen.Archiv-Foto: Roberto Bulgrin
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