Kirchheim

Erinnerungen an die frühe Renaissance

Ausstellung Im Kornhaus sind derzeit Zeichnungen der Künstlerin Frauke Schlitz zu sehen. Für eine Zeichnung vor Ort arbeitete sie zehn Stunden täglich. Von Kai Bauer

Frauke Schlitz vor einer ihrer Wandzeichnungen. Foto: Mirko Lehnen
Frauke Schlitz vor einer ihrer Wandzeichnungen. Foto: Mirko Lehnen

Für die ortsspezifische Wandzeichnung im Kornhaus war die Künstlerin Frauke Schlitz drei Wochen von morgens 7 bis abends 17 Uhr vor Ort im Einsatz“, erklärte Monika Schaber, Mitglied des Kunstbeirats in ihrer Einführung am Sonntag. Entstanden ist ein geometrisches System von Linien, das sich an der langen Wand der Galerie entlangzieht. Die riesige, an eine Konstruktionszeichnung erinnernde Arbeit ist leicht nach links verschoben, sodass rechts ein Teil der Stellwand, die in den Raum ragt, ganz weiß bleibt. In der Zeichnung selbst hat der rechte Teil der Wandzeichnung keine Berührung mit dem Boden und ist in sich geschlossen, sodass er den Charakter eines Grundrisses bekommt. Nach links scheint sich der Raum eher in der Aufrissebene auf die Wand abzubilden. Zusätzlich sind einzelne weiße Platten mit Linien an die Wände gelehnt, die das System in den Ausstellungsraum erweitern.

Körperlich geprägte Aktion

„Die aus dem Arbeitsprozess hervorgehenden Linien- und Gitterstrukturen erzeugen eine Komplexität, die nicht logisch, sondern sinnlich ist“, schreibt die Künstlerin Frauke Schlitz. Es handelt sich dabei um Freihandzeichnungen, denen das Phänomen der flächigen Darstellung von räumlichen, architektonischen oder topografischen Situationen zugrunde liegt. Diese Liniengefüge zeigen jedoch keine konkreten Räume, sondern spielen frei mit dem Phänomen der Darstellung auf der Fläche und ihrer Wirkung. Frauke Schlitz kommt an den Ort und erarbeitet den Raum neu, direkt auf die Wandflächen. Zeichnen, das sich sprachlich vom Bewegungswort „Ziehen“ her entwickelt hat, muss hier in erster Linie als Handlung verstanden werden, als eine zutiefst körperlich geprägte Aktion, die auch die Proportionen des menschlichen Körpers mit abbildet. Beispielsweise fand die Künstlerin heraus, dass die Dicke der Säulen im Galerieraum ihrer eigenen Schulterbreite entsprechen.

Zwar wurde der Zeichenprozess ständig durch Messen der räumlichen Verhältnisse unterbrochen, aber es kommen nirgendwo Lineale, Beamer oder andere technische Hilfsmittel zum Einsatz. Frauke Schlitz arbeitet nur mit den „taktilen Eigenschaften der Linie“, die sie frei Hand und in vielen rhythmischen Wiederholungen auf die Wandfläche zieht. Die geläufigste Konstruktion einer räumlichen Darstellung auf der Fläche ist die Fluchtpunktperspektive, bei der Tiefenlinien auf einen Fluchtpunkt ausgerichtet werden, der auf dem Horizont, also der Augenhöhe des Betrachters, liegt. Fluchtpunkt und Horizont werden bei Frauke Schlitz jedoch durch die körperliche Nähe zur Wand als Zeichenfläche in Bewegung gebracht und erinnern eher an Werke der Frührenaissance, in denen das System der Zentralperspektive noch nicht vollständig beherrscht wurde.

Auftragen und Wegnehmen

Die Linien selbst entstehen in einem langen Prozess des Auftragens und Wegnehmens von der Wand. Linien werden mit Klebeband angelegt, dann noch mal mit der weißen Wandfarbe überstrichen, dann mit schwarzen oder blauen Pinselstrichen frei Hand aufgetragen und zuletzt durch Abziehen des Klebebandes innen wieder weiß entleert, „outlined“, wie man in der Schriftgestaltung sagt. Dabei entsteht ein skelettartiges Gerüst an der Galeriewand, wie man es von Farbresten auf dem Boden kennt, wenn Metallgitter oder ähnliches lackiert wurden. Diese Objekte selbst sind verschwunden und nur noch durch die Farbreste präsent. Die Arbeitsweise der Künstlerin scheint zunächst einen Rückschritt in der Entwicklung darzustellen, schließlich verzichtet sie auf die geometrisch exakte zentralperspektivische Konstruktion eines Mantegna oder da Vinci. Sieht man den Raum aber nicht nur als konkreten technisch-wissenschaftlichen Raum, sondern als Metapher eines Vorstellungsraums oder eines sozialen Raums, dann schließen sich hier die Kreise: Die Fluchtpunktperspektive in der Renaissance enthielt für die Zeitgenossen ein revolutionäres Moment, nämlich das Phänomen, dass sich die Welt jedem einzelnen Individuum - je nach Standpunkt - anders darstellt. In der Folge kam damit die Erkenntnis auf, dass es keine allgemein gültige Wahrheit von der räumlichen Welt gibt, die sich bindend auf die Gemeinschaft übertragen lässt.

 

Die Ausstellung im Kirchheimer Kornhaus ist noch bis Sonntag, 2. Juli, zu sehen: Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr und Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr.

Die Säulen im Kornhaus sind so breit wie die Schultern der Künstlerin Frauke Schlitz. Foto: Mirko Lehnen
Die Säulen im Kornhaus sind so breit wie die Schultern der Künstlerin Frauke Schlitz. Foto: Mirko Lehnen
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