Kirchheim

Erst denken, dann klicken

Digitalisierung Über den Einfluss des Internets auf die Kommunikation und das Demokratieverständnis sprachen die Professoren Sascha Friesike und Bernhard Pörksen im Mehrgenerationenhaus Linde. Von Iris Häfner

Bernhard Pörksen (links) und Sascha Friesike sprachen unterhaltsam über die Digitalisierung. Foto: Carsten Riedl
Bernhard Pörksen (links) und Sascha Friesike sprachen unterhaltsam über die Digitalisierung. Foto: Carsten Riedl

Nicht zu viel versprochen hat Jana Haag vom Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Kirchheim, als sie zwei hochkarätige Redner zur Demokratiekonferenz ankündigte. Dr. Sascha Friesike, Professor für digitale Innovation, und Dr. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, nahmen das Thema „Digitalisierung - Der Einfluss des Internets auf unsere Kommunikation und unser Demokratieverständnis“ unter die Lupe.

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„Das ist ein dickes Brett: Demokratie und Digitalisierung“, sagte Sascha Friesike und stieg gleich mit einem Beispiel ein: Bei den Stadtwerken einer großen Stadt im Osten Deutschlands ermunterte er bei einem Seminar dazu, „nicht jeden Quatsch mitzumachen“. Ein Mitarbeiter gab im vollkommen Recht - er ist gegen die Einführung der EC-Zahlung im Stadtbad.

Ende 2010 begann der Arabische Frühling und die sozialen Medien wurden als Retter der Demokratie gesehen. „Dann gab es eine merkwürdige Wahl in den USA“, erinnerte Sascha Friesike - und schon war das Ganze ins Gegenteil verkehrt. Der Professor appelliert deshalb an den gesunden Menschenverstand: „Aber den nutzen wir nicht so gerne, weil das mitunter anstrengend ist.“ Wenn das Smartphone in der Hosentasche brummt, gebe das eine gewisses Gefühl von Hektik und dann ist das mit dem Verstand so eine Sache.

Weil Wissen überall verfügbar ist und sich das Weltwissen in den vergangen fünf bis neun Jahren verdoppelt hat, wird es immer schwieriger, sich die Grundlagen zu erarbeiten, um all die vielen Informationen interpretieren zu können. „Wir beginnen zu quantifizieren, was früher Qualität war“, sagte er und nannte das Stichwort 350 Freunde. „Dasselbe machen wir in der Wissenschaft. Die Zahl der Aufrufe zählt, nicht deren Inhalt, der durchaus in der Mehrheit negativ ausfallen kann.“ Sein Vater musste als Beispiel herhalten: Seine Platten waren heilig und für die Kinder tabu. Heute kann sich jeder sämtliche Songs runterladen, kurz reinhören und dann zum nächsten Lied wechseln.

Auch Bernhard Pörksen wurde konkret und erzählte die Geschichte der neunjährigen Martha Payne aus Schottland, die in ihrem Blog ihr spartanisches Schulessen dokumentierte. Die Rektorin untersagte daraufhin das Fotografieren im Speisesaal. Doch zu dem Zeitpunkt hat „das Ernährungsschicksal eines Mädchens“, wie es der Professor formulierte, schon viele Freunde im Netz gefunden, unter anderem den Fernsehkoch Jamie Oliver. „Daraufhin brach ein Wut-Tsunami über die Schule herein“, so Bernhard Pörksen.

Zwei Grundgesetze machte der Medienwissenschaftler für diese Reaktion aus: Eine neuartige Asymmetrie, sprich die Unverhältnismäßigkeit von Ursache und Wirkung - ähnlich des Schmetterlingseffekts, wonach ein minimaler Anstoß wie der Flügelschlag eines Insekts zur maximalen Auswirkung, nämlich eines Hurricans führt. Dazu kommt die Unmöglichkeit der Zensur durch einen Unterdrückungsversuch, denn der macht das Ganze nicht selten erst recht bekannt. „Dadurch kommt es zur Veränderung der Machtverhältnisse. Es ist ein neuer Markt entstanden und das sind wir alle“, erklärte Bernhard Pörksen und brachte das Stichwort Journalismus ein. Man entdeckt ein Thema und ähnlich eines Redakteurs gehe es dann darum, für sich zu entscheiden, ob es zur Veröffentlichung taugt, die Quellen seriös sind und sich mit der Gegenseite auseinanderzusetzen. Erst dann wird veröffentlicht.

„Heute ist jeder zum Sender geworden. Unterschiedliche Akteure können sich zusammentun, es gibt eine Enthüllungs- und Empörungspraxis und die neuen Enthüller sind mitten unter uns, auch Kinder“, so der Professor. Was andere über einen wissen, sei mittlerweile schwer eingrenzbar. „Jeder sollte ein Bühnenbewusstsein entwickeln. Eigene Äußerungen, Fotos, Mails können öffentlich werden“, sagte Bernhard Pörksen. Mitdenken schade in diesem Zusammenhang nicht, denn es gehe um nichts weniger als die langfristige Vertretbarkeit der eigenen Position.

Der Professor hofft im Digitalzeitalter auf eine redaktionelle Gesellschaft. „Was ist veröffentlichungsreif? Was verdient es, veröffentlicht zu werden?“, sind für ihn wichtige Fragen und somit journalistisches Bewusstsein. Dann könne die Digitalisierung in einem guten Sinn zu einem Element der Allgemeinbildung werden. „Deshalb braucht es auch ein Schulfach, in dem zu dieser Kompetenz angeleitet wird. Heute wird noch viel zu technisch gedacht“, sagte Bernhard Pörksen.