Kirchheim

Erst mal kräftig mit der Stadt gezofft

Rückblick Die Bastion feiert ihr 50-jähriges Jubiläum. Begonnen hat die Geschichte mit einem Skandal und einem erbitterten Streit mit der Verwaltung. Von Günter Kahlert

Die Sache war zunächst völlig unspektakulär. Mit zwei dürren Sätzen verkündete Kirchheims Oberbürgermeister Franz Kröning in der Gemeinderatsitzung am 10. Juli 1968 die „Überlassung der Bastion an den Ötlinger Kellerclub“. Unter „Verschiedenes“, gleich hinter der Forderung nach Sprungbrettern für das Freibad. Nichts Besonderes.

Die Vorgeschichte: Seit Ende 1967 hatte sich einer der „Macher“ des Ötlinger Kellers, Wolfgang Hes­pel, bemüht, von der Stadt neue Räumlichkeiten zu bekommen. Anfang der 60er-Jahre hatte die Nutzung des ehemaligen Eiskellers und Bunkers beim alten Ötlinger Bahnhof als Jazzkeller begonnen. Der Kirchheimer Unternehmensberater Gerold Straub, auch ein Mann der ersten Stunde, erinnert sich: „Die Räumlichkeiten waren unglaublich einfach. Durch die Lage am Hang hatten wir ständig Wasser drin, es gab keinen vernünftigen Abzug - und keine Toi­letten.“ Dass da auch mal die Feuerwehr vor der Tür stand, weil man versuchte, einen Ofen anzuheizen, gehörte dazu. Also musste irgendwann etwas anderes her. Vor allem sollte es mehr sein, als ein Keller, in dem Musik gemacht wird. Zwar hatte sich der Ötlinger Kellerclub schon seit 1966 mehr zu einer Kleinkunstbühne gewandelt, aber jetzt musste das politische Denken auch in den Club-Namen. „Bastion - kultureller, literarisch-politischer Club“ sollte das Projekt heißen.

Die Gespräche mit Franz Kröning und Bürgermeister Horst Ullrich verliefen harmonisch, beide waren den Aktivitäten Jugendlicher aufgeschlossen. Damals alles andere als selbstverständlich in den bundesdeutschen Verwaltungen. Und es wurde professionell angepackt. Die Pläne für den Um- und Ausbau machte der Kirchheimer Architekt Fritz-Uli Bankwitz - ohne Honorar. Der gehörte zwar mit seinen 32 Jahren nicht mehr zu den „jungen Wilden“, war aber der Gedankenwelt des Änderns, des Aufbruchs, der Freiheit sehr nahe. Und natürlich darf ein Name auch nicht fehlen: Ernst-Otto Kröger, kurz E.O. genannt. Er war Inhaber der „Roten Apotheke“ neben dem Stadtkino, laut Fritz-Uli Bankwitz ein „etwas abgedrehter Typ“ und zu der Zeit ein wesentlicher Impuls- und Geldgeber für die Bastion. „Die Gründung der Bastion ging nur durch E.O. Kröger“, erzählt Gerold Straub: „Da war dann plötzlich für die Stadt ein Unternehmer im Spiel, sonst wären wir jungen Jazzer und Gymnasiasten nicht zum Zug gekommen.“ Kurz: Alles lief zunächst glatt.

Skandal zur Eröffnung

Das Programm für die Eröffnung konnte sich sehen lassen. Vier Tage dauerte die Veranstaltung. Reinhard Mey, Hannes Wader, Colin Wilkie und Shirley Hart und die Hamburger „City Preachers“ traten auf. Daran erinnert sich allerdings niemand mehr. Da war eben auch der Wiener Aktionskünstler Otto Muehl. Nach seiner Performance am Samstag, 14. September 1968, um 16 Uhr kam eine Lawine ins Rollen. Nackte Haut, unappetitliche Aktionen - nichts für empfindsame Gemüter. Die Bastioniken waren so schlau, es als geschlossene Veranstaltung zu definieren und vorher die Besucher explizit zu warnen. Doch natürlich geht keiner, wenn hier etwas Skandalöses angekündigt wird. Beim Auftritt waren auch Ehefrau und Tochter von Bürgermeister Horst Ullrich anwesend. Die Reaktion der Stadt kam daher schnell: Zwei Tage später wurde der Keller geschlossen und versiegelt. Empörung auf beiden Seiten, auch wenn die Bastion nur eine Veranstaltung ausfallen lassen musste.

Was letztlich die ganz große Welle auslöste, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Möglicherweise waren es die Kiosk-Plakate der Bild-Zeitung am 20. September 1968: Damit hatten die Geschehnisse den lokalen Rahmen verlassen, es musste gehandelt werden.

Die Fetzen flogen in der Gemeinderatsitzung am 2. Oktober. Das Ratsgremium nahm OB Franz Kröning in die Zange, war entsetzt über die Veranstaltung, einzelne warfen ihm illegales Verhalten vor, weil die Stadt auch noch ohne Beschluss 21 000 Mark für die Sanierung aufgewendet hatte. Umfasste die Bekanntgabe des Pachtvertrags nur zwei Sätze, benötigte das Thema „Bastion“ im Protokoll der Oktober-Sitzung 17 Seiten. Der Beschluss: Die Stadtverwaltung muss den Pachtvertrag kündigen. Franz Kröning stimmte dagegen, das half aber nichts. So begann ein fast zwei Jahre langer Rechtsstreit.

Kirchheim zahlt die Kosten

Und es ging unversöhnlich zur Sache bei der Kündigungsklage wegen „unzumutbarer Veranstaltungen“. Am Amtsgericht Kirchheim gab es keinen Erfolg für die Stadt. Vorsichtshalber war der Streitwert von 10 Mark, was der Jahrespacht entsprach, auf 2 400 Mark erhöht worden, damit Berufung möglich ist. Die kam am Landgericht Stuttgart. Vorschlag einer gütlichen Einigung: abgelehnt. Der gesamte Schriftverkehr umfasst im Stadtarchiv drei prall gefüllte Ordner, jeweils etwa 20 Zentimeter dick. Das Urteil fiel am 24. Juli 1970: Die Bastion bekam in allen Punkten Recht. Der Stadt Kirchheim blieben die Kosten: Amtsgericht 213 Mark, Landgericht 213 Mark, Anwalt der Bastion 725,54 Mark, Anwalt der Stadt 426,33 Mark.

Aber das ist inzwischen Historie - seit Jahren ist die Bastion ein Aushängeschild Kirchheims, 2017 sogar bundesweit prämiert. Die Zeiten haben sich geändert.

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