Kirchheim

Erwachsene wagen den Neustart

Berufsleben Die Initiative „Zukunftsstarter“, hilft Erwachsenen auf dem Weg (zurück) in die Arbeitswelt – wie Jasmin Kraushaar aus Erkenbrechtsweiler. Von Katja Eisenhardt

Hebamme Bianca Kümmerle in Lindorf, Oberboihinger Straße 85, bei Familie RupersbergBaby, Kleinkind
Hebamme Bianca Kümmerle in Lindorf, Oberboihinger Straße 85, bei Familie RupersbergBaby, Kleinkind

Jasmin Kraushaar aus Erkenbrechtsweiler wird im Februar 37 Jahre alt. Sie ist Mutter von drei Kindern im Alter von sechs, zwölf und 16 Jahren. Nach ihrem Realschulabschluss hat sie damals eine Ausbildung zur Bauzeichnerin gemacht und anschließend ein Jahr in diesem Beruf gearbeitet. „Dann wurde ich schwanger mit meiner ältesten Tochter“, erzählt sie bei einem Treffen in der Agentur für Arbeit in Kirchheim. Bis 2013 war sie insgesamt zehn Jahre in Elternzeit. In diesem Zeitraum hat sie sich durch verschiedene Nebenjobs über Wasser gehalten. „Arbeiten in Teilzeit ist mit drei Kindern schwierig. Allein schon eine entsprechende Stelle zu finden, ist ein Problem.“

Eigentlich sei ihr Traumberuf immer Hebamme gewesen, berichtet Kraushaar. „Mit der Geburt meiner drei Kinder wurde dieser Wunsch immer größer.“ Sie absolvierte ein vierwöchiges Praktikum in der Nürtinger Klinik und bewarb sich anschließend für eine Ausbildung zur Hebamme in Stuttgart und Tübingen. „Das wäre allerdings in Vollzeit gewesen.“ Für sie unmöglich. Als die Familie schließlich ein Haus kaufte, sei ihr klar gewesen, dass sie auf jeden Fall wieder arbeiten müsse.

Heute ist Jasmin Kraushaar mit 36 Jahren ausgebildete Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk und arbeitet in Teilzeit bei einer Metzgerei in ihrem Nachbarort Hochwang. Ein Zufall: „Ich war zum Einkauf in der Metzgerei und sah einen Aushang, mit dem Auszubildende gesucht wurden. Dann kam ich mit einer Verkäuferin ins Gespräch, als ich fragte, ob das auch in Teilzeit machbar wäre.“ Kurze Zeit später hatte sie ihren Vertrag in der Hand.

Mit damals 33 Jahren wurde die dreifache Mutter wieder zum Azubi: Berufsschule in Stuttgart, Praxis im Betrieb. Unterstützung - sowohl finanziell als auch beratend - bekam sie während der dreijährigen Ausbildung bei der Arbeitsagentur in Kirchheim. Dort nahm sie an der Initiative „Zukunftsstarter“ teil. Von einigen Schulfächern wie Deutsch, Religion und Gemeinschaftskunde konnte sich die Erwachsene befreien lassen. Auf dem Stundenplan standen aber ganz regulär Mathematik, die Berufstheorie und natürlich auch der praktische Unterricht. „Man muss erstmal wieder in den Schulalltag reinfinden“, sagt Kraushaar rückblickend. Anfangs sei es auch etwas komisch gewesen, gemeinsam mit 15-Jährigen die Schulbank zu drücken.

Es waren anstrengende drei Jahre für Jasmin Kraushaar. Ihr wöchentliches Ausbildungspensum: 25 Stunden - Schule und Arbeit im Betrieb zusammengerechnet. Dazu die Fahrtzeit von Erkenbrechtsweiler nach Stuttgart zur Schule. Gelernt hat sie nachts oder im Zug. Eine Verkürzung kam für sie dennoch nicht infrage.

Der Lohn: Jahrgangsbeste sein

Der Lohn für die Mühen: Jasmin Kraushaar schloss ihre Ausbildung im August 2016 als Beste der Fleischer-Innung Stuttgart-Neckar-Fils ab. Derzeit arbeite sie nur ein bis zwei Tage die Woche in der Metzgerei und wenn mal zusätzlicher Bedarf ist. „Das Ziel ist, es aufzustocken, sobald es sich mit dem Alltag vereinbaren lässt.“

Die „Zukunftsstarter“-Initiative sei zum einen eine große Chance für Arbeitnehmer. Gleichermaßen aber auch für Arbeitgeber, betont Tobias Krause, Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit in Kirchheim: „Auf dem Arbeitsmarkt werden dringend Fachkräfte gesucht. Das ist eine Möglichkeit, sie zu finden.“ Oft fehle den Betrieben in diesem Zusammenhang noch das Bewusstsein und die Flexibilität für die Ausbildung und die Beschäftigung von Teilzeitkräften.

Im Agenturbezirk Kirchheim qualifizierten sich im vergangenen Jahr rund 15 Erwachsene im Rahmen der Zukunftsstarter-Initiative. „Unser Ziel ist es, mindestens 70 bis 80 Prozent der Teilnehmer in ein festes Arbeitsverhältnis zu bringen. Für Kirchheim kann ich bestätigen, dass das gelingt“, so Tobias Krause.

Erwachsene wagen den Neustart
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Von der Bauzeichnerin zur Hebamme zur Fachverkäuferin in der Metzgerei: Jasmin Kraushaar hat schon viele Jobs versucht, doch mit
Von der Bauzeichnerin zur Hebamme zur Fachverkäuferin in der Metzgerei: Jasmin Kraushaar hat schon viele Jobs versucht, doch mit Kindern ist es schwierig, wieder einzusteigen.Fotos: Jean-Luc Jacques und Katja Eisenhardt
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