Kirchheim

„Es hätte jeden treffen können“

Anschlag Am Abend des Attentats sorgen sich Menschen in Berlin um Angehörige und Freunde. Der Schock sitzt auch am Tag danach tief. Von Peter Eidemüller und Anke Kirsammer

Die Trauerbeflaggung am Kirchheimer Rathaus ist ein Zeichen der Anteilnahme nach der Gewalttat auf einem Weihnachtsmarkt in Berl

Die Trauerbeflaggung am Kirchheimer Rathaus ist ein Zeichen der Anteilnahme nach der Gewalttat auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin.Foto: Carsten Riedl

Auch am Morgen danach klingelt das Handy von Simon Just immer noch im Minutentakt. Freunde, Bekannte und Familie wollen wissen, ob es dem 36-Jährigen gut geht: Der gebürtige Schlierbacher lebt seit vier Jahren in Berlin, erlebte den Anschlag vom Montagabend indirekt mit.

„Meine Frau war mit einer Bekannten auf dem Weihnachtsmarkt verabredet, ich wusste aber nicht, auf welchem“, erzählt Just. Als er gegen 21 Uhr sein Büro verließ und ihn bereits erste SMS, Whats-App-Nachrichten und E-Mails mit besorgten Nachfragen erreichten, wurde er nervös: Was, wenn seine Frau sich von den 34 Weihnachtsmärkten in der Hauptstadt ausgerechnet den am Breitscheidplatz ausgesucht hatte? „Ich habe sie im Minutentakt angerufen, von der Bekannten hatte ich keine Nummer. Da wird‘s einem schon ganz anders zumute“, so Just.

Erst eine halbe Stunde, nachdem er von dem Anschlag erfahren hatte, kam der erlösende Rückruf: Seine Frau war nicht auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, was Just bei aller Erleichterung trotzdem mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. „Bisher waren Terroranschläge immer weit weg, aber diesmal hätte man spontan betroffen sein können.“

So wie er sehen es viele Berliner: Der Anschlag war gestern das Gesprächsthema Nummer eins, wobei Angst laut Simon Just eher eine untergeordnete Rolle spielt. „Die Stadt ist so groß, da verläuft sich viel. Trotzdem kann ich mich an kein Ereignis erinnern, dass hier solche hohe Wellen geschlagen hat.“

„Heute ist Berlin sehr bewölkt, kalt und neblig. Das spiegelt die Stimmung gut wider“, sagte Adrian Goedeckemeyer gestern. Der Oberlenninger studiert an der amerikanischen Elite-Hochschule Minerva und wohnt seit September in Berlin. Gestartet in San Francisco, leben die Studenten jedes Semester in einer anderen Metropole. Das Semester in der Bundeshauptstadt ist zwar seit Sonntag zu Ende, doch noch sind etwa 70 Minerva-Studenten dort, bevor es in den Weihnachtsurlaub oder weiter nach Buenos Aires geht. „Ich mache mich am Donnerstag mit drei Kommilitonen auf den Weg nach Oberlenningen. Bis dahin wollte ich noch einmal die Museen und Weihnachtsmärkte Berlins erkunden“, so Adrian Goedeckemeyer. Erst am Wochenende war der 20-Jährige mit einigen Freunden am Breitscheidplatz. Den Ort und den Markt kennen auch die anderen Studenten gut. Zum Zeitpunkt des Attentats war Adrian Goedeckemeyer gerade vom Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz nach Hause gekommen und stand in der Küche. Von dem Anschlag erfahren hat er durch seinen Vater, der nur Minuten danach anrief. „Das war zunächst ein Schock, besonders weil Informationen zu den Hintergründen lange fehlten und sie auch jetzt noch nicht schlüssig sind.“ Schnell versendete er eine Gruppennachricht. Innerhalb weniger Stunden hat das Minerva-Team sichergestellt, dass kein Mitglied betroffen war.

„Es ist unglaublich schade, dass solch eine Tat die Weihnachtsstimmung in Berlin vorerst zerstört“, sagt Adrian Goedeckemeyer. Berlinern gehe es ähnlich. Die meisten haben Freunde oder Verwandte, die am Breitscheidplatz gewesen sein könnten. „Es hätte jeden von uns treffen können. Es war Glück, dass ich und meine Freunde gestern nicht dort waren.“

Neben der Trauer um die Toten und Verletzten trifft es den Oberlenninger und seine Kommilitonen, dass die Ermittlungen zumindest gestern Morgen auf Flüchtlinge gelenkt wurden. Während des Semesters hatten die Minerva-Studenten eng mit Einrichtungen wie dem Sharehaus Refugio, einer Unterkunft für Neuankömmlinge in Kreuzberg, und Kiron, einer jungen Universität für Flüchtlinge, gearbeitet. „Wir sind in Kontakt mit wunderbaren, netten Menschen gekommen und natürlich sorgen wir uns auch um deren Wohlergehen in Deutschland“, sagt Adrian Goedeckemeyer. Seine muslimischen Freunde verlassen im Moment die Wohnung ungern, da sie Anschuldigungen oder ängstliche Blicke auf der Straße fürchten.

„Meine Gedanken sind bei den Opfern, und die gesamte Minerva Community hofft, dass sich Berlin, Deutschland und Europa schnell von der schrecklichen Tat, dem Schrecken und der Angst erholen, und dass Berlin die offene, sichere und bunte Stadt bleibt, die uns so freundlich empfangen und uns zahlreiche tolle Momente beschert hat“, so Adrian Goedeckemeyer.

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