Kirchheim

„Es ist unser Recht, zu entscheiden“

Wahl An vier Kirchheimer Schulen durften auch unter 18-Jährige ihre Stimme abgeben. Ihre Ergebnisse unterscheiden sich deutlich von den Erwachsenen. Von Sabrina Kreuzer

Foto: Sabrina Kreuzer

Die Sonne scheint, Kinder spielen auf dem Schulhof des Freihof-Areals: Es ist ein scheinbar gewöhnlicher Schultag. Doch nicht ganz, denn schon an der Eingangstür zur Freihof-Realschule werden die Schüler, Lehrer und Besucher anders begrüßt als sonst. Ein orangefarbenes Plakat mit der Aufschrift „Wenn du nicht wählst, entscheiden andere für dich“ springt sofort ins Auge. Auch in der Aula hängen Plakate mit Informationen über einige Parteien. Davor stehen Schüler, die konzentriert die Köpfe zusammenstecken.

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Sie alle warten darauf, endlich wählen zu dürfen. Die Freihof-Realschule ist eine von drei Schulen in Kirchheim, die an der Juniorwahl 2017 teilnimmt. „Es ist ein tolles Projekt, das die Schüler dazu anregt, sich mit dem Thema Politik zu beschäftigen“, erklärt Lehrerin Dr. Sandra Kirsamer.

Träger des Projekts ist der Verein „Kumulus“ in Berlin im Auftrag des Deutschen Bundestags. Gemeinsam mit dem Bundes-Familienministerium, der Bundeszentrale für politische Bildung und den Kulturministerien wird die Juniorwahl 2017 an 3 490 Schulen in ganz Deutschland durchgeführt. Die Schüler werden vor den Wahlen vorbereitet. „Der jeweilige Fachlehrer bespricht, was der Bundestag macht, was eine Wahl eigentlich ist und wie gewählt wird“, sagt Sandra Kirsamer. Dabei werden auch Begriffe geklärt: Was sind die Erst- und Zweitstimme? Was bedeutet die Fünf-Prozent-Hürde? Und was ist ein Direktmandat?

Für die meisten Jugendlichen ist es das erste Mal, dass sie sich intensiv mit der deutschen Politik auseinandersetzen. „Durch die Medien bekommt man das alles am Rande mit, lernt die Parteien kennen, außerdem sieht man in der Stadt Wahlstände und Plakate“, erzählt der Zehntklässler Fabian. Auch für die 12-jährige Viviana ist das alles Neuland - sowohl schulisch als auch privat. Trotzdem weiß sie jetzt schon, dass Wählen wichtig ist: „Die Politiker entscheiden über uns und über das, was wir machen dürfen.“ Fabian und seine Mitschüler Jonas, Nico und Felix sehen das genauso: „Nicht jeder hat das Recht, wählen zu dürfen. Wir leben in einer Demokratie, deswegen sollten wir die Chance nutzen und unsere Stimme abgeben.“

Auch Sandra Kirsamer weiß das Projekt zu schätzen: „Es ist ein Beitrag zur politischen Urteilsfähigkeit.“ Die Jugendlichen lernen durch die Wahl nicht nur, wie der Wahlakt funktioniert, sondern auch Position zu beziehen und hinter ihrer Meinung zu stehen.

Anders als in Wirklichkeit, ist der Wahltag in den Schulen getaktet. „Sonst würden morgens um 8 Uhr wahrscheinlich Hunderte Schüler hier unten stehen und die Lehrer oben alleine in ihren Klassenzimmern“, meint Sandra Kirsamer. Daher kommt alle 30 Minuten eine Klasse samt Lehrer in das extra hierfür eingerichtete Wahllokal. Dort werden sie von fünf Wahlhelfern erwartet. Pro Klasse haben sich hierfür zwei bis drei Schüler freiwillig gemeldet. In einer Klasse gab es sogar so viele Freiwillige, dass ausgelost werden musste. „Das ist zwar mit Arbeit verbunden, aber es macht auch viel Spaß“, freut sich Jonas. Er ist in der neunten Klasse und sitzt seit der dritten Stunde im Wahllokal. Mit den anderen Helfern lässt er immer nur eine kleine Anzahl an Wählern hinein, damit kein Durcheinander entsteht. Sie kontrollieren die Wahlbenachrichtigungen und die Ausweise - die Schüler müssen ihren Personal- oder Schülerausweis vorzeigen - und geben die Stimmzettel aus. „Bitte zweimal falten“, weisen die Wahlhelfer an. Mit dem grünen Zettel verschwinden die wählenden Schüler dann in einer Wahlkabine.

Bei den Juniorwahlen läuft alles ab wie im richtigen Leben. „Wir machen den Schülern auch klar, dass sie nicht wählen müssen“, betont Sandra Kirsamer, „wie im echten Leben wird niemand dazu gezwungen.“

Teckboten-Grafik

Hohe Wahlbeteiligung nach Juniorwahl

Die teilnehmenden Schulen in Kirchheim hoffen, dass die Schüler bei der Juniorwahl etwas fürs Leben lernen und die Erfahrung ihnen in der Zukunft weiterhelfen wird. Laut den Zahlen des Vereins Kumulus zahlt sich das aus: Die Wahlbeteiligung von Eltern und Erstwählern habe sich nach vorherigen Juniorwahlen erhöht.

Auch bei den Juniorwahlen selbst ist die Beteiligung groß: „Die Simulation ist sehr authentisch“, sagt Manfred Machoczek vom Kirchheimer Schlossgymnasium. Viele Schüler finden das Projekt interessant: Sie freuen sich darüber, dass sie mitentscheiden dürfen und sprechen die Lehrer in den Pausen an, um ihre Wahlzeiten zu erfahren. In den Tagen der Wahl beherrscht das Thema die Flurdiskussionen.