Kirchheim

Exorbitante Klangvielfalt

Konzert Mit Mut zu Ungewöhnlichem brechen die durchweg hochkarätigen Musiker von „Les Primitifs“ starre Formen auf und geben ihrem Programm „Petit“ ein frisches Gesicht. Von Sabine Ackermann

„Les Primitifs“ irritierten und begeisterten das Publikum in der Bastion.  Foto: Sabine Ackermann
„Les Primitifs“ irritierten und begeisterten das Publikum in der Bastion. Foto: Sabine Ackermann

Das erste Stück „Walkürchen“ kommt aus der tiefsten Seele des Waldes, klärt Laurent Leroi in der gut gefüllten Bastion in Kirchheim auf. Wie sich im Laufe des Konzerts herausstellen sollte, ist der Akkordeonist der Einzige, der was zu sagen hat - der Rest hüllt sich in Schweigen. Mit minimalem französischen Akzent und viel Charme plaudert der Elsässer über den Inhalt der ausschließlich instrumental präsentierten Lieder, fügt unterhaltsame Begebenheiten oder witzige Ansagen ein. Zugegeben, die spezielle Abwandlung von Richard Wagners gehaltvollem „Ritt der Walküren“ muss man erst einmal sacken lassen - es ist recht eigenwillig und befremdlich in puncto Intonation. Es gab verwunderte Blicke und verhaltenen Beifall seitens des Publikums. Was da noch alles kommen mag?

„Les Primitifs“ nennt sich das Quartett aus dem Raum Mannheim. Die Ode an „Das ganze Leben“ wird wie das Stück „chez toi“ (bei dir) mit überraschenden Akzenten aus unterschiedlichen Stilen untermalt. Hier ein bisschen Blues, Folk, Jazz mit Klassik, da ein wenig Musette, Tango, Tarantella mit Walzertakten oder alles auf einmal. All das stets verfeinert mit musikalischen Petitessen - vermeintlichen Nebensächlichkeiten - wie geringfügige Verzögerungen oder Beschleunigungen. Bringt Laurent Leroi den Titel „Un chuia de paso“ mit „Lawrence von Arabien“ in Verbindung, eröffnet er nach dem rhythmisierend-fröhlichen Balkan-Stück „Moldavian hora“ schon recht früh den Werbeblock für die Doppel-CD.

Mit jedem weiteren Lied taut das Publikum auf. Kein Wunder, wurde die außergewöhnliche Reise durch die Weltkultur in der zweiten Hälfte immer stürmischer und emotionsgeladener. Vier ausgebildete Musiker, die sich als Ganzes oder im Alleingang ihren wiederkehrenden, rhythmisch-melodischen Elementen förmlich hingeben, mit Leidenschaft und Virtuosität „die Sau rauslassen“. Bläst sich Saxofonist Matthias Dörsam kurz vor der Schnapp­atmung die Seele aus dem Leib, lässt Laurent Leroi auf seinem Akkordeon alle zehn Finger in unfassbarer Geschwindigkeit über die Knöpfe tanzen und geht dabei sogar auf „Schnakenjagd“. Nicht minder brillieren Saiten-Jongleur Michael Herzer auf dem Kontrabass sowie Erwin Ditzner, der extrem tiefenentspannt parallel gleich mehrere Taktsequenzen anschlägt und zwischendurch lässig seinen linken Fuß auf der Snaredrum parkt und so effektiv den Klang verändert. „Une petit valse“, „Tarantella“, „Ladino“, „3:0“ oder „El cumbanchero“ waren weitere Stücke, die mit hemmungsloser Freude am Tun, Wildheit oder mit bitter-süßer Melancholie und besonders mit dem einen oder anderen Soli glänzten.

 

Info Seit 30 Jahren machen Erwin Ditzner (Trommel), Matthias Dörsam (Saxofone, Klarinetten, Flöten) und Laurent Leroi (Akkordeon), Musik. Als „Coleümes“ bekannt, nennen sie sich seit 2009 mit dem neuen Kontrabassisten Michael Herzer „Les Primitifs“.

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