Kirchheim

„Fachwerk muss die Zukunft sein“

Podiumsdiskussion Der Verschönerungsverein Kirchheim hatte Experten ins Rathaus eingeladen: zum Gespräch über den Umgang mit dem bauhistorischen Erbe im Wandel der Zeit. Von Andreas Volz

Fachwerkstatt Kirchheim: die Kornstraße. Foto: Carsten Riedl
Fachwerkstatt Kirchheim: die Kornstraße. Foto: Carsten Riedl

Die große Katastrophe war im Nachhinein Kirchheims großes Glück: Nach dem Stadtbrand war der Wiederaufbau in den Jahren nach 1690 Programm. Dadurch ist ein homogenes Ensemble in der Altstadt entstanden. Was sich davon wiederum auf welche Weise für die nächsten 300 Jahre bewahren lässt, ist eine ganz andere Frage. Der Verschönerungsverein Kirchheim ist dieser Frage in einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von Dr. Natalie Pfau-­Weller nachgegangen, mit dem Titel „Fachwerk im Wandel der Zeit - Zukunft oder Vergangenheit?“

Der Bauforscher und Mittelalterarchäologe Tilmann Marstaller blickte zunächst in die Vergangenheit, um den damaligen Kirchheimern höchstes Lob zu zollen: „1690 beginnen schon die Holzlieferungen, und binnen zehn Jahren steht ein relativ großer Teil der Altstadt wieder da. Das ist eine der größten baulichen Leistungen, die es jemals gab in Kirchheim. Davor habe ich den größten Respekt. Das müsste im Bewusstsein für die Altstadt viel stärker vorhanden sein.“

Andererseits denkt er auch an kommende Zeiten: „Fachwerkhäuser beglücken uns seit Jahrhunderten. Die Gebäude sind für viele Generationen gebaut. Das sollte auch so bleiben.“ Und dabei geht es ihm nicht nur um die heimelige Wirkung von Fachwerkfassaden: „Fachwerk ist nachhaltig“, sagt er. Der Erhalt von Fachwerkgebäuden gebiete sich schon allein wegen der Energieeffizienz: „Ein Abbruch setzt CO2 frei, das über Jahrhunderte in großen Mengen gebunden war. Viel Holz aus Altbauten geht in Heizanlagen statt ins Recycling.“ Würden anschließend an derselben Stelle Neubauten mit großen Betonfundamenten entstehen, sei das auch nicht positiv für die Ökobilanz. Tilmann Marstallers Fazit: „Fachwerk muss die Zukunft sein.“

Nach dem einführenden Expertenvortrag kamen auch andere Podiumsteilnehmer zu Wort: Günther Erb sieht die Aufgabe der „Initiative historisches Kirchheim“ darin, „ein Auge auf die Fachwerkhäuser in der Stadt zu haben und unsere Stimme zu erheben, wenn wir Fehlentwicklungen sehen“. Als Beispiel für solche Entwicklungen nannte er „Bauten, die vor allem auf Kontrastwirkung aus sind - da sträubt sich alles in mir.“

Architekt Andreas Blum sieht das differenzierter: So sehr er sich für das Fachwerk stark macht, so wichtig ist ihm dabei die Authentizität. Nachgeahmtes Fachwerk bereitet ihm größere Schwierigkeiten als ein kontrastreicher Neubau. Dennoch plädiert er dafür, nicht maximale Nutzungsanforderungen als obersten Zweck zu sehen, sondern erst einmal „die Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, die das Gebäude bietet“. Nutzungen seien daran anzupassen.

Wichtig für Kirchheims Identität

Gar keine Schwierigkeiten mit Kontrasten hat Gernot Pohl, der Leiter der Abteilung Städtebau und Baurecht der Stadt Kirchheim: „Ich persönlich hätte mir beim Waldhorn auch ein völlig anderes Gebäude vorstellen können - ein gutes, neues Gebäude, das Spannung erzeugt.“ Dennoch gibt er zu, dass Fachwerk eines der Kriterien ist, die der Stadt Kirchheim eine Identität geben. Andererseits seien die Bedingungen in einer Altstadt sehr komplex - mit unterschiedlichsten Interessen unterschiedlichster Beteiligter: „Eine Stadt ist etwas ganz anderes als ein Freilichtmuseum.“

Zimmermann und Stadtrat Andreas Banzhaf nahm Stellung zu den Sanierungskosten für Fachwerkhäuser: „Bei einer beschädigten Fassade muss man alle Gefache rausnehmen und alle Hölzer freilegen, um das Ausmaß der Schäden zu erkennen.“ Das deckt sich mit der Aussage von Tilmann Marstaller und Andreas Blum, die vor der Blauäugigkeit warnen, eine Sanierung ohne ordentliche Bestandsaufnahme anzugehen. Zur Nutzung eines Fachwerkhauses meint Andreas Banzhaf: „Es wird schwierig, wenn wir heute Räume zum Wohnen nutzen wollen, die nie dafür gedacht waren.“ Schon allein das dauerhafte Heizen solcher Räume im Winter könne die Substanz nachhaltig gefährden.

Auch daran zeigt sich, wie wichtig es ist, die Nutzung ans Gebäude anzupassen - nicht umgekehrt.

Der Verschönerungsverein und die Fragen nach Schönheit, Historie und Zukunft

Der Verschönerungsverein ist Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, „um die Burg Teck wieder aufzubauen“, erklärte der Vereinsvorsitzende Philipp Reuff zu Beginn der Podiumsdiskussion „Fachwerk im Wandel der Zeit“. Ab den 1950er-Jahren habe der Verein seine Aktivitäten dann auf Kirchheim und Umgebung konzentriert.

Die „Verschönerung“, die der traditionsreiche Kirchheimer Verein in seinem Namen trägt, ist freilich erklärungsbedürftig. Philipp Reuff stellte deshalb die entscheidende Frage: „Was ist eigentlich schön?“ Die einzig wahre, wenn auch nicht eindeutige Antwort darauf gab er selbst: „Das liegt immer im Auge des Betrachters.“

Für Kirchheim kommt der Verschönerungsverein trotzdem zu einer deutlichen Antwort, wie Philipp Reuff betonte: „Wir positionieren uns ganz klar zugunsten des historischen Stadtbilds.“ In jedem Einzelfall ändere sich das Stadtbild, sodass jedes einzelne Gebäude dieses Stadtbild wieder neu gestalte und es mit entscheide.

Die Zukunft hat aber auch der Verschönerungsverein fest im Blick. Den Vereinsmitgliedern geht es nicht um eine nostalgische Verklärung der Vergangenheit. Dazu bekannte sich Philipp Reuff explizit: „Wir brauchen intelligente Lösungen, die das historische Stadtbild erhalten, aber auch moderne Nutzungen ermöglichen.“ vol

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