Kirchheim
Fehlende Kindergartenplätze: Eltern zwischen Hoffen und Bangen

Kita   Vom Betreuungsplatz für Kinder hängt oft die Zukunft der gesamten Familie ab. In Kirchheim fehlen derzeit über 200 Plätze. Der Oberbürgermeister fordert mehr Flexibilität von der Landespolitik.  Von Andreas Volz

Kindergartenplätze in Kirchheim: „Es ist eine Katastrophe“, sagt selbst Oberbürgermeister Pascal Bader. In Kirchheim fehlen derzeit über 200 Plätze. „Das ist aber kein Problem, das es nur in Kirchheim gibt“, meint er und verweist auf 57 000 fehlende Plätze in Baden-Württemberg sowie auf 380 000 Betreuungsplätze, an denen es bundesweit mangelt.

Das Sprichwort vom Leid, das nur noch halb so groß ist, wenn man es mit anderen teilt, nutzt den Betroffenen aber nichts. Ein Beispiel von vielen
 

Wenn ich keinen Kita-Platz bekomme, verliere ich meine Arbeitsstelle.
Barbara Suerdieck
über die Dringlichkeit, ein Betreuungsangebot für ihre Tochter zu kriegen

ist Familie Suerdieck aus Kirchheim: Barbara und Sascha Suerdieck brauchen dringend einen Kindergartenplatz für ihre Tochter Johanna. Den ganzen Herbst haben die Eltern zwischen Hoffen und Bangen verbracht.

Barbara Suerdieck berichtet: „Ich wurde immer wieder vertröstet. Irgendwann hieß es, die Schreiben seien raus. Bei uns kam aber nichts an. Später habe ich erfahren, dass wir auf der Liste mit den Absagen stehen.“ Beschweren kann und will sie sich nicht über das Personal bei der Stadt: „Die waren alle sehr freundlich, und ich verstehe ja auch, dass sie nichts dafür können. Aber für mich ist durch die Absage eine Welt zusammengebrochen. Wenn ich keinen Platz für Johanna bekomme, verliere ich meine Arbeitsstelle.“

Aktuell ist Johanna bei einer Tagesmutter untergebracht. Das funktioniert aber nur bis zu einem Alter von drei Jahren. Eine Verlängerung um bis zu sechs Monate ist zwar möglich. Aber das bedeutet eben auch, dass die Tagesmutter andere Eltern für dieses halbe Jahr vertrösten muss. Außerdem ist das Konzept der Tagesmutter darauf ausgelegt, dass die Kinder, die sie betreut, ungefähr dasselbe Alter haben. Ein Ausreißer nach oben – also ein Kind von fast vier Jahren – würde die Strukturen durcheinanderbringen.

„Wo es geht, greifen wir auch auf Johannas Oma zurück“, sagt Barbara Suerdieck. Aber das sei keine Dauerlösung, weil ihre Schwiegermutter selbst voll berufstätig ist. Der Druck wächst: Am 1. Mai muss Barbara Suerdieck wieder zu 50 Prozent in ihrem Beruf einsteigen: „Meine Arbeit ist mir wichtig. Es geht dabei auch um die Finanzierung unseres Eigenheims und um meine spätere Rente. Das ist alles so berechnet, dass ich Anfang Mai wieder arbeite.“ Johannas Platz bei der Tagesmutter haben die Eltern deswegen auf 30. April gekündigt. 

Nur noch vier Monate bleiben für eine Lösung

Vier Monate bleiben also noch, um zu schauen, wie es weitergehen soll. Möglicherweise müsste Barbara Suerdieck fast das gesamte Geld, das sie ab Mai verdient, für einen privaten Betreuungsplatz ausgeben. Das wäre nicht ihr Traum, aber es wäre trotzdem besser, als den Anspruch auf einen sicheren Arbeitsplatz zu verlieren. Das Problem ist nur: „Auch alle privaten Anbieter sind voll belegt, der Markt ist abgegrast.“

Barbara Suerdieck weiß sehr wohl, dass sie nicht die einzige ist, die dringend eine Betreuungsmöglichkeit braucht: „Es geht ja nicht nur uns so. Alle Kinder brauchen einen Platz. Ich bin auch nicht neidisch auf diejenigen, die einen Platz für ihr Kind bekommen haben. Aber ich brauche eben auch einen – und dafür kämpfe ich.“

Vom Oberbürgermeister hat sie eine Antwort erhalten, die ihr nicht so richtig weiterhilft. Wenn der neue Kindergarten in der Tannenbergstraße im Januar 2025 bezugsfertig sein soll, ist das für sie zwei Jahre zu spät. Der Hinweis auf die Naturkindergärten auf dem Milcherberg und in Jesingen sowie auf den Jurtenkindergarten auf dem Schafhof ist etwas besser: Das alles soll bereits im September 2023 fertig sein – was immerhin „nur“ fünf Monate zu spät wäre.

Pascal Bader ist aber zuversichtlich, dass die Stadt etliche der fehlenden Plätze noch rechtzeitig anbieten kann – über Kita-Einstiegsgruppen sowie durch ein Anheben der Gruppengrößen: „Wir könnten da viel mehr machen, wenn man uns nur ließe.“ Von der Landespolitik und von den Verbänden fordert er deshalb deutlich mehr Flexibilität. Was sich so schnell aber nicht zurücknehmen lässt, ist der verschobene Stichtag für die Einschulung: „Dadurch sind uns auf einen Schlag hundert Kita-Plätze weggebrochen – weil eben hundert Kinder erst ein Jahr später eingeschult werden.“