Kirchheim

Fest fürs 400 Jahre alte Rathaus

Jubiläum Die Ötlinger feiern am Sonntag ihr Multifunktionsgebäude in der Ortsmitte. Außerdem würdigen sie 1225 Jahre erste urkundliche Nennung. Von Andreas Volz

Ortsvorsteher Hermann Kik vor dem Ötlinger Rathaus, das 1617 unter Schultheiß Peter Maier erbaut wurde. Jetzt, 400 Jahre später,
Ortsvorsteher Hermann Kik vor dem Ötlinger Rathaus, das 1617 unter Schultheiß Peter Maier erbaut wurde. Jetzt, 400 Jahre später, gibt es ein großes Jubiläumsfest. Foto: Mirko Lehnen

Ötlingen feiert. Am Sonntag gibt es gleich zwei gute Gründe für Kirchheims größten Teilort, ins Zentrum rund um Rathaus und Kirche einzuladen. Der eine Grund: die 1200-Jahr-Feier von 1992 ist schon wieder 25 her. Demzufolge gilt es jetzt, 1225 Jahre Ötlingen zu feiern. Aber auch ein rundes Jubiläum haben die Ötlinger anzubieten, wenn sie schon die Lindorfer Straße zur Festmeile erklären: Sie feiern 400 Jahre Rathaus Ötlingen.

Dass das ein besonderer Grund zum Feiern ist, erfahren Besucher des Ötlinger Rathauses, wenn sie im Vorraum der Verwaltungsstelle anstehen. Dann bleibt nämlich Zeit, die Namen der einzelnen Räume kennenzulernen und auch die Begründungen für die Namenswahl zu studieren.

Der wichtigste Raum im Erdgeschoss, in dem sich die städtische Servicestelle befindet, ist nach Peter Maier benannt. Der Name als solcher klingt zwar nicht besonders ungewöhnlich. Es müssten sich deutschlandweit viele Namensvettern finden lassen. Aber mit diesem Peter Maier aus Ötlingen hat es doch etwas Besonderes auf sich: Er war von 1615 bis 1625 Schultheiß in Ötlingen, und in seiner Amtszeit leistete sich das 300-Einwohner-Dorf den Neubau eines Rathauses.

Das war auch insofern ein finanzieller Kraftakt, als dass dadurch die Ortskernsanierung ihre Fortsetzung fand, zwei Jahrzehnte nach dem Bau der Kirche schräg gegenüber. 1617 war das Rathaus also bezugsfertig. Von Landeszuschüssen weiß Peter Maiers heutiger Nachfolger, Ortsvorsteher Hermann Kik, nichts zu berichten. Ohnehin sei die Archivlage zum Ötlinger Rathaus vor 1900 recht dünn. Aber vor 400 Jahren gab es eine andere Form des „Zuschießens“. Ötlingen war auch damals schon eng mit Lindorf verbunden, weshalb die Lindorfer 25 Prozent der Baukosten für das Ötlinger Rathaus aufbrachten.

Am Sonntag wird in Ötlingen auch eine 56 Seiten starke Broschüre zum Rathaus-Jubiläum verteilt. Vorab verrät Hermann Kik schon so viel über den Inhalt: „Mein Lindorfer Kollege Stefan Würtele hat in seinem Beitrag hochgerechnet, dass wir den Lindorfern, wenn wir ihnen ihren Anteil von damals mit Zinsen zurückzahlen müssten, heute rund 15 Millionen schulden würden.“
An einem wesentlichen Punkt sind sich die beiden Ortsvorsteher einig, wie Hermann Kik weitererzählt: „Wir würden die Rechnung aus Lindorf dann halt an die Stadt Kirchheim weiterleiten.“ Es gib also auch Zusammenhänge, in denen man in Ötlingen und Lindorf froh ist über die Eingemeindung nach Kirchheim von 1935.

Von Anfang an, also seit 1617, hatte das Ötlinger Rathaus aber immer schon Nutzungen, die weit über die eines Rathauses hinausgehen. Wie das auch heute noch in Frankreich vielfach zu sehen ist – zumindest an der Fassadenbeschriftung – waren Rathaus und Schule ein und dasselbe. „Mit dem Bau des Hauses war das Rathaus auch Schulhaus“, berichtet Hermann Kik. Oben habe der Lehrer seine Wohnung gehabt. Die Nutzung als Schulgebäude hat die meiste Zeit über angedauert.

Selbst der heutige Ortsvorsteher ist noch im Rathaus zur Schule gegangen. Zur Erinnerung an diese Zeit hat er jetzt im Schulmuseum in Karlsruhe einige Utensilien ausgeliehen, die sich am Jubiläumssonntag besichtigen lassen: Tatzenstecken, Schulranzen, Griffelkästen, Schiefertafeln und Landkarten. Friedemann Korn, der langjährige Rektor der Eduard-Mörike-Schule, berichtet an Ort und Stelle davon, wie Schule früher einmal war.

Ebenfalls im Rathaus stationiert war lange Zeit die Polizei. In Hermann Kiks Jugend war das auch noch der Fall. Und erinnert sich, wie viele andere Ötlinger, noch bestens an „Sheriff Eberle“, der nicht nur die Polizeigewalt ausgeübt hat, sondern nebenher auch noch die ganze Dorfjugend miterzogen hat. Seine beiden „Strafen“: Das Fahrrad des Polizisten putzen. Erste Stufe: innen im Rathaus. Zweite Stufe: außen, also öffentlich. Selbstredend setzte es für einen Delinquenten, der außen putzte und dabei vom halben Dorf gesehen wurde, auch zuhause noch etwas.

Weitere Sehenswürdigkeiten am Sonntag sind historische Feuerwehrautos, die einst ebenfalls im Ötlinger Rathaus standen, oder auch Rotgöckel – künstlerisch gestaltet von Christel Benz aus Ötlingen, einem Ortsteil von Weil am Rhein. Allein diese Auswahl an Attraktivitäten zeigt, dass Ötlingen feiert, was das Zeug hält, und mit allem, was dazugehört.

Festprogramm am Sonntag rund ums Rathaus

Gefeiert wird am Sonntag in Ötlingen von 10.30 bis 18 Uhr. Die Lindorfer Straße ist gesperrt von 7 bis 20 Uhr, und zwar von der Stuttgarter Straße bis zur Kiefernstraße. Vor dem Beginn des eigentlichen Fests gibt es ab 9.30 Uhr einen ökumenischen Gottesdienst in der Johanneskirche.

Offizieller Festbeginn ist um 11 Uhr die Begrüßung durch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und Ortsvorsteher Hermann Kik. Dazu singen die Kindergartenkinder den Rathaus-Boogie.

Für Unterhaltung sorgen die Band „Lagerfeuer“ und „Des Duo“ mit Comedy. Spiel und Spaß gibt es bei TriB und CheckIn. Für Bewirtung sorgen die Vereine, aber auch die Kirche im Gemeindezentrum Peter und Paul. Bei Regen steht ein Zelt zur Verfügung.

Im Rathaus selbst präsentieren sich die gegenwärtigen Nutzer: die Ortsverwaltung, die Ötlinger Vereine und Organisationen, der Mieterbund, die Gerichtsvollzieher und der Ortschaftsrat. Außerdem gibt es Informationen über Trauungen im Rathaus und über die frühere Nutzung als Schulgebäude.vol

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