Kirchheim

Fremd im eigenen System

Die Wahlberlinerin Tine Schumann stellt „Zweifel“ daheim in der Städtischen Galerie im Kornhaus aus

Vor Bildern mit vermummten Sicherheitskräften findet sich der Betrachter selbst in der Rolle eines bedrohten Demonstranten wiede
Vor Bildern mit vermummten Sicherheitskräften findet sich der Betrachter selbst in der Rolle eines bedrohten Demonstranten wieder. Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Verletzungsgefahr in der Städtischen Galerie im Kornhaus? In der aktuellen Ausstellung wachsen rote Spitzen aus dem Boden, genau

in Augenhöhe kleiner Kinder! Auch überdimensionales Dornengestrüpp im Raum, ein Motiv, das sich auch auf den wandgroßen Zeichnungen wiederfindet, scheint den Besucher zu bedrohen. Doch damit nicht genug – von überallher knurren und hecheln Wölfe und Schäferhunde, die im Dienst finster vermummter Polizeikräfte stehen. Und wer tiefer in die kulissenartige Installation eintritt, sieht über seinem Kopf einen schwarzen Meteoriten schweben, dessen Aufschlagbewegung im letzten Moment eingefroren wurde.

Das Gefühl der Bedrohung durch ein totalitäres System, das anonym und unbeherrschbar erscheint und in dem der Satz „homo homini lupus est“ als Recht des Stärkeren Wirklichkeit geworden ist, füllt den ganzen Raum. Die Installation und die Werke dieser Ausstellung wurden von Tine Schumann inszeniert, einer Künstlerin, die in Kirchheim geboren ist und Malerei und Grafik in Leipzig studierte. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Sich selbst hat sie als lebensgroße Figur, „als Pappkameradin“ wie sie selbst sagt, vor die wandgroßen Zeichnungen gestellt. Ihr zur Seite schnüffelt ein zottiger Wolf, ebenfalls aus Wellpappe, am Boden. Auch die oben erwähnten ominösen Spitzen sind harmlos, da sie aus bemaltem Papier bestehen, ebenso wie die Dornen oder der Meteorit, der bei näherem Hinsehen federleicht an Fäden von der Decke hängt. „Über das zarte und vergängliche Material transportiere ich Themen, die brachial sind“, sagt Tine Schumann über ihre Arbeitsweise.

Die Pflastersteine, die am Boden kleine Haufen bilden, sind aus Pappe. „Mit denen kann man keine Scheibe einwerfen“, sagt die Künstlerin. So wie sie sich selbst als Pappfigur aufgestellt hat, soll sich der Betrachter in der Installation bewegen, er soll in einem inneren Monolog die Standpunkte wechseln. Dabei findet keine lineare Erzählung statt: Die Örtlichkeit der Hintergründe wechselt von Berliner Straßen zu Kirchheimer Motiven, von urbanen zu natürlichen Dioramen, von der Großstadt zum Blick auf die Waldgebiete um die Teck. Absichten und Motive der dargestellten Figuren, seien es nun Tiere oder Menschen, bleiben unklar.

Die vermummten Abteilungen der Sicherheitskräfte scheinen in einem nervösen Wartezustand zu sein. Demonstranten oder Passanten sind nicht zu sehen, in dieser Rolle finden sich die Betrachter selbst wieder. Die Zeichnungen sind überwiegend in schwarzer Kohle und in Sepiatusche ausgeführt, nur die Signalfarbe Rot sticht hervor – beispielsweise in den rot-weißen Absperrbändern oder in den rätselhaften Spitzen oder Strahlen, die in den Händen der Sicherheitskräfte zu unheimlichen Waffen werden.

Formal und inhaltlich bleibt das Werk von Tine Schumann in einer wunderbaren Balance zwischen Wirklichkeit und Vorstellung. Naturalistische Zeichnung mischt sich mit kafkaesker oder surrealer Verfremdung, denn die Krähen, traditionell als weise Unheilsboten verdächtigt, sind proportional auf riesige Dimensionen angewachsen. An keiner Stelle finden sich die weit verbreiteten Plattitüden oder vorschnellen Schuldzuweisungen: Es geht um die seriöse Darstellung einer beunruhigenden Atmosphäre, in der sich die Mehrheit im eigenen System fremd und bedroht fühlt. „Zweifel“ ist Titel und Thema dieser gelungenen und empfehlenswerten Ausstellung.

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