Kirchheim
Für mehr Sicherheit: Richtig radeln auf dem Schutzstreifen

Verkehr Der Fahrradboom führt zu mehr Unfällen mit Zweirädern. Was kann man dagegen tun? Die Initiative „FahrRad“ hat Kirchheim untersucht. Von Thomas Zapp

Mit der Erfolgsstory der Fahrräder und insbesondere der elektrisch unterstützten Pedelecs nimmt auch der Zweiradverkehr auf und an den Straßen kontinuierlich zu: Rund zwei Millionen Zweiräder mit elektrischem Zusatzantrieb sind allein im vergangenen Jahr deutschlandweit verkauft worden. Entsprechend hat aber auch die Zahl der Unfälle zugenommen: Waren es 2012 in Baden-Württemberg noch 134 Unfälle mit Beteiligung eines Elketrofahrrads, gab es 2021 mehr als 3000. „Das Pedelec erhöht die Durchschnittsgeschwindigkeit besonders bei älteren Personen“, sagt Dieter Hutt von der Kirchheimer Initiative „FahrRad“.
 

Ich werde häufiger von Pedelecs überholt.
Dieter Hutt
von der Initiative „FahrRad“

 

Im vergangenen Jahr sind landesweit 16 Seniorinnen und Senioren ab 65 bei Unfällen mit Elektrofahrrädern getötet worden, das entspricht mehr als die Hälfte aller tödlichen Unfälle. Und auch bei den Leichtverletzten stellen sie mit 61 Prozent die zahlenmäßig größte Gruppe. „Ich werde häufiger von Pedelecs überholt und frage mich gerade bei Stellen mit Rollsplitt: Können die das beim Bremsen einschätzen?“, berichtet Vielfahrer Dieter Hutt.

Wenn mehr Menschen, gerade ältere und oftmals aus der Übung gekommene Verkehrsteilnehmer, auf zwei Rädern unterwegs ist, braucht es vor allem eins: sichere Radwege. Das ist auch in Kirchheim ein Thema. Auch im Hinblick auf die geplante Neugestaltung der Stuttgarter Straße von der Wielandstraße bis zum Postplatz hat die Initiative FahrRad die bereits neu gestaltete Strecke an der Stuttgarter Straße in Ötlingen untersucht und Testfahrerinnen und -fahrer dazu befragt.

Enge Straße plus Grüninsel

Kritische Punkte gibt es zum Beispiel auf dem Abschnitt zwischen der Hauptkreuzung in Ötlingen sowie der Einmündung der Wielandstraße auf die Stuttgarter Straße: Wo außer den Schutzstreifen am Fahrbahnrand noch Grüninseln in der Straßenmitte angelegt sind, herrscht bei 3,50 Meter Fahrbahnbreite vom Gehwegbordstein bis zur Mittelinsel für Autofahrer de facto ein Überholverbot von Radfahrern. „ Denn dort können Sie mit einem normalen Auto den Mindestabstand von 1,50 Meter zu den Radfahrern nicht einhalten“, sagt Dieter Hutt. Auch deswegen empfiehlt er den Zweiradlern: „Auf den Schutzstreifen nicht zu nah am Bordsteinrand zu fahren, sondern „selbstbewusst in der Mitte“ – so kommen Autofahrer eher nicht auf den Gedanken, an der Stelle überholen zu können. Auch müsste es mehr Banner geben, die auf diese Gefahr hinweisen, so Hutt. Entsprechende Kameras, die bei unterschreiten des Abstands auslösen, gebe es leider noch nicht. 

Eine andere Beobachtung machten die Testradler direkt an der Ötlinger Kreuzung An der Ampel standen die Autos nicht immer richtig hintereinander, sondern belegten des Öfteren den Schutzstreifen. Dieser ist eigentlich den Fahrradfahrern vorbehalten, damit sie während der Rotphase bis zur Verkehrsampel vorfahren können. „Ein Hinweisschild müsste die korrekte Aufstellung bildhaft darstellen“, schlägt Dieter Hutt vor.

Ein weiterer kritischer Punkt ist der Beginn der Parkstreifen, die Radler kennen, die von Ötlingen Richtung Zentrum fahren. An dieser Stelle vollzieht der Schutzstreifen einen „Schwenk“ an den Parkplätzen vorbei zur Fahrbahnmitte und macht die Fahrspur für Autofahrer damit plötzlich enger. So lange dort kein Auto parkt, ist der Radfahrer irritiert, heißt es in dem Bericht der Initiative: Soll man den „Schwenk“ nachfahren und damit gerade überholende Autos ausbremsen oder solange fahren, bis tatsächlich ein parkendes Fahrzeug auftaucht und das Ausweichmanöver für nachfolgende Autofahrer nachvollziehbar wird? Die Empfehlung der Experten lautet dazu: Die Parkstreifen am Beginn und am Ende durch Bauminseln markieren.

Der Kirchheimer Fahrrad-Experte nimmt aber auch die Radlerinnen und Radler in die Pflicht. So befahren viele die Radwege von der falschen Seite, etwa wenn jemand von der Fabrikstraße kommt und keine Lust hat, erst die Straßenseite zu wechseln.

Überhaupt sei der abgetrennte Radweg auf dem Bordstein nicht ungefährlicher, so lange dort Einmündungen drüberführen. „Das gibt eine subjektive Sicherheit, doch das kann tückisch sein“, warnt Hutt. Tatsächlich belegen seine Beobachtungen und Statistiken, dass auf Radwegen mehr Unfälle mit Autos passieren, also auf den scheinbar unsichereren Schutzstreifen. Das gelte auch für Geh-Radwege. Hutts Vorschlag: Ausreichend breite Schutzstreifen mit mehr als 1,50 Meter Breite. „Das funktioniert aber nur in Kombination mit Tempo 30“, sagt er. Fazit: Für die Sanierung und Neugestaltung der Stuttgarter Straße fordert die Initiative daher deutlich breitere Schutzstreifen statt der bisherigen 1,25 bis 1,50 Meter. 

Fazit: Es bleibt auch in Kirchheim noch viel zu tun, damit die Zahl der Unfälle künftig nicht weiter proportional mit der Zahl der Radfahrerinnen und Radfahrer steigt.