Kirchheim

Ganztagsschule fordert Vereine

Bildung Außerschulische Sport- und Musikangebote haben es schwerer – „Kinder sind oft zu schlapp“

Kirchheim. Wenn Kinder eine Ganztagsschule besuchen, nehmen sie dort nicht nur den Schulstoff durch und erledigen ihre Hausaufgaben. Im Idealfall lernen sie während ihrer Schulzeit auch noch ein Instrument und treiben Sport. Vereine und andere Anbieter im sportlichen und musischen Bereich sehen aber Probleme. Drei Beispiele aus Kirchheim.

Bei Stefanie Werner von der Kirchheimer Musikschule läuft derzeit das Telefon heiß: „Jeden Tag rufen verunsicherte Eltern bei mir an“, sagt sie. „Viele fragen sich, ob ihr Kind es schafft, neben der Ganztagsschule noch ein Instrument zu spielen.“ Soweit es geht, stellt sich die Musikschule auf die neuen Gegebenheiten ein. „Wir sind mit drei Schulen im Gespräch zu neuen Angeboten musikalischer Bildung im Ganztagsbereich“, so Stefanie Werner. „Damit wir unsere Schüler halten können, gehen wir mit den Lehrern an die Schulen.“ Das bedeute jedoch mehr logistischen Aufwand und Zeitverlust. Außerdem habe dieses Vorgehen auch seine Grenzen: „An welcher Grundschule steht schon ein anständiges Klavier, und wo gibt es einen Schlagzeugraum?“

Auch für den VfL Kirchheim haben sich die Zeiten geändert. „Wir machen schon einige Mittagssportangebote im Ganztagsbereich“, sagt Geschäftsführerin Doris Imrich. Das zu stemmen, sei aber selbst für einen großen Sportverein wie den VfL schwierig. „Die Schulen stellen sich ja eine Freizeitgestaltung im Zeitraum bis 16 Uhr vor“, so Imrich. „Unsere Übungsleiter, die berufstätig sind oder studieren, können da gar nicht.“ Auch bei den eigenen Angeboten wird es schwieriger. „Manche Mütter sagen: Wenn mein Kind schon in der Schule Karate hat, braucht es abends nicht mehr hinzugehen“, nennt Doris Imrich ein Beispiel: „Vor allem abends, im Leistungsbereich und bei den Mannschaftssportarten verlieren wir Kinder. Viele fühlen sich nach acht Stunden Schule einfach zu schlapp für Sport.“

Das bemerkt auch Dagmar Lincke von der gleichnamigen Ballettschule in Kirchheim. „Nach einem ganzen Tag in der Schule sind die Kinder kaputt und haben keine Energie mehr“, klagt sie. „Dabei sind Bewegung und rhythmische Koordination so wichtig für die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten“, weiß die Ballettpädagogin. Dass sie Stunden an Schulen gibt, kommt für sie nicht in Frage. „Ballett kann man nicht in einem Klassenzimmer unterrichten, wo man mal schnell die Stühle zusammenschiebt“, winkt sie ab: „Ich habe in meinem Ballettsaal einen Schwingboden, eine Pianistin begleitet uns, und bei Aufführungen arbeite ich mit Bühnen- und Kostümbildnern zusammen - das kann eine Schule nicht bieten.“

Am liebsten wäre es ihr, wenn die Ganztagskinder während der Schulzeit zu ihr kommen könnten - „zum Beispiel als Ersatz für den Sportunterricht.“ Den Wunsch hegt auch Stefanie Werner: „Es wäre gut, wenn man ein Kind für den Instrumentenunterricht aus dem Ganztag ausklinken könnte.“ Sonst - da sind sich die Frauen einig - wird es schwer sein, Talente künftig entsprechend zu fördern.

Rechtlich ist das allerdings schwierig. „Wenn die Eltern die Ganztagsschule wählen, ist das ein verbindliches Angebot“, sagt Dr. Corina Schimitzek, Leiterin des Nürtinger Schulamts. Befreiungen für Hobbys kämen nicht in FrageBianca Lütz-Holoch.

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