Kirchheim

Gegen Zwei-Klassen-Ingenieure

Demonstration Die IG-Metall rief zu einer „aktiven Mittagspause“ vor dem Tor der Deutschen Accumotive in Nabern auf. Die Gewerkschaft fordert ernsthafte Verhandlungen über die Tarifanbindung. Von Iris Häfner

Zum ersten Mal gingen die Entwicklungsingenieure von Accumotive auf die Straße. Foto: Markus Brändli
Zum ersten Mal gingen die Entwicklungsingenieure von Accumotive auf die Straße. Foto: Markus Brändli

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - dafür ging gestern für etwa ein Drittel der Belegschaft von Accumotive in Nabern in die „aktive Mittagspause“. Damit setzen die Beschäftigten ein klares Zeichen für die Tarifanbindung. Die Mitarbeiterausweise, die viele bei sich trugen, hatten ihre eigene Aussagekraft: Dr. rer. nat. war beispielsweise öfters zu lesen. „Das ist eine unfaire Situation. Die Entwicklungsingenieure werden deutlich geringer bezahlt als ihre Kollegen im Stammwerk“, kritisiert Gerhard Wick, erster Bevollmächtigter bei der IG Metall Esslingen.

Über 400 Mitarbeiter entwickeln am Standort Nabern Batterietechnologie für den Automobilkonzern Daimler. Chemiker und Physiker geben sich hier die Klinke in die Hand. „Wir haben hier eine besondere Situation. Etwa die Hälfte der Belegschaft sind Leiharbeiter. Manche verdienen in diesem Arbeitsverhältnis mehr und lassen sich deshalb nicht fest bei Accumotive anstellen“, erklärt Gerhard Wick. In der Regel sind Leiharbeiter aber deutlich günstiger als das Stammpersonal. Seit 2014 ist nach Einschätzung der IG Metall die Beschäftigtenzahl in Nabern um 50 Prozent gestiegen.

Nach über einem halben Jahr „Hinhalten“ der Tarifverhandlungen durch die Geschäftsführung will die IG Metall nun ein Zeichen setzen. „Im Februar haben wir die Geschäftsleitung angeschrieben. Erst im Mai kam die erste Reaktion mit der Lesart: Eigentlich wollen wir gar nicht über Tarifverträge verhandeln“, sprach Gerhard Wick vor dem Werkstor zu den Demonstranten. Er stellte klar, dass aufgrund der Wertschöpfungskette die Firma Accumotive ganz klar in den Bereich der IG Metall fällt. Seit wenigen Tagen gibt es nun einen Termin. „Allerdings ist der für Verhandlungen sehr kurz: Wir haben nur eine Stunde Zeit“, so Wick. Aus seiner Sicht ist es eher unwahrscheinlich, dass es dabei zu einem Ergebnis kommt. Er geht vielmehr davon aus, „dass die Geschäftsleitung uns mitteilt, dass sie keinen Tarifvertrag will, weil es ohne besser ist“. Mit der aktiven Mittagspause sendet die Gewerkschaft erstmals mit einem großen Teil der Belegschaft öffentlich ein deutliches Signal in Richtung Accumotive - ohne dass der Firma dadurch finanziell ein Nachteil entsteht.

Unterstützung gab es von den Kollegen vom Mercedes-Benz Werk Untertürkheim Entwicklung Pkw. Für Roland Schäfer, Vertrauenskörperleiter der IG Metall im dortigen Werk, gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Nabern und Untertürkheim. „Wir haben dafür gekämpft, die Batterieproduktion nach Untertürkheim zu holen, um diese Technologie ins Neckartal zu holen und sie in Baden-Württemberg zu etablieren“, sagte er. In dieser Logik gehören die Entwicklungsingenieure ins gleiche Boot und damit in den Tarifverband. „Eure Arbeit muss genauso ordentlich bezahlt werden, wie die der Entwickler bei Daimler“, rief er ins Megafon und zum ersten Mal brandete Applaus bei den etwa 150 Zuhörern auf. Die Tarifanbindung soll eine tragfähige Schutzfunktion für Urlaub, Arbeitszeit, Gehalt und anderes mehr bieten. „Unser mittelfristiges Ziel ist die Gemeinsamkeit - keine Spaltung. Sollte es ernst werden, kommen wir nicht nur mit einer kleinen Delegation, sondern mit dem Bus. Wir unterstützen euch“, versprach er.

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