Kirchheim

Gelassen - bis auf Weiteres

Corona In den Kliniken hat die mögliche Gefahr durch Mutationen nichts am Alltag verändert. Im Landkreis, wo sich die Lage im Moment entspannt, ist das veränderte Virus noch nicht angekommen. Von Bernd Köble

Erst heißt es warten auf den Impfstoff, dann gilt es zu hoffen, dass er möglichst lange wirkt.Foto: Markus Brändli
Erst heißt es warten auf den Impfstoff, dann gilt es zu hoffen, dass er möglichst lange wirkt. Foto: Markus Brändli

Zu Wochenbeginn waren 142 Fälle der bekannten Coronavirus-Mutationen im Land registriert. Inzwischen sind 26 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg betroffen. Die gute Nachricht: Im Kreis Esslingen ist Stand gestern kein Fall bekannt. Für Mediziner jedoch steht außer Frage, dass dies auf Dauer nicht so bleiben wird. „Wir haben um den Landkreis schließlich keine Mauer“, sagt der Medizinische Direktor der Medius-Kliniken, Jörg Sagasser. Froh ist er dennoch, dass sich der Verdacht im Nürtinger Krankenhaus vergangene Woche nicht bestätigt hat. Dort hatten sich binnen kurzem in der Chirurgie 14 Mitarbeiter und 16 Patienten infiziert. „Die hohe Zahl trotz strenger Hygienestandards erschien uns verdächtig“, sagt Sagasser. Der Verdacht bestätigte sich nicht. Inzwischen herrscht in Nürtingen wieder Normalbetrieb. Patienten sind isoliert, die betroffenen Mitarbeiter in Quarantäne.

Von der großen Furcht vor mutierten Viren ist zumindest beim Klinik-Direktor wenig zu spüren. An Spekulationen beteiligt er sich nicht. Für ihn zählen Fakten. „Wir sind alle keine Hellseher, und es gibt wenig, das bekannt wäre“, sagt Sagasser auf die Frage, was in den kommenden Wochen auf den Kreis zurollen könnte. Das hänge auch vom Umgang der Politik mit dem Lockdown ab. Ob Schulen und Kitas wieder geöffnet werden, wie schnell sich Menschen wieder in Kneipen und Restaurants treffen. „Wir sind hellhörig und bleiben wachsam“, meint er. „Für uns ändert sich im Alltag nichts.“ Diagnose, Isolation, Behandlung - Der Umgang mit dem Virus ist in den Kliniken klar geregelt, ganz gleich, um welche Mutation es sich handelt. Einzige Ausnahme: Bei der Aufnahme von Patienten wird gezielter nachgefragt. Gab es Kontakte zu Personen aus einem der bekannten Risikogebiete in Südafrika, Großbritannien oder Brasilien, vielleicht sogar Aufenthalte dort?

Alles im Griff. Zumindest scheint es im Moment so. Auch wenn sich diese Momentaufnahme schnell als Trugbild erweisen könnte, die Situation in den Krankenhäusern im Landkreis zeigt sich in diesen Tagen einheitlich: Die Lage entspannt sich. Zwar sei man vom Normalbetrieb noch immer weit entfernt, sagt Jörg Sagasser. „Aber auf den Intensivstationen liegen weniger Patienten als noch vor wenigen Wochen.“ Was für die drei Medius-Kliniken in Kirchheim, Nürtingen und Ruit gilt, bestätigt auch Anja Dietze, Sprecherin des Klinikums Esslingen. Dort sind die Covid-Zahlen seit drei Wochen stabil.

Klar ist: Wer den Gegner besiegen will, muss ihn kennen. Je schneller und gründlicher, desto besser. Deshalb sollen nun landesweit alle positiven Tests auf mögliche Mutationen untersucht werden. Für Susanne Elsner, die als Ärztin das bakteriologische Labor in der Klinik auf dem Nürtinger Säer leitet, ist die Ankündigung der Landesregierung ein wichtiger Schritt. Ob dies nun lückenlos geschehen müsse, darüber könne man diskutieren, meint sie. „Eine schnelle Rückmeldung wäre für die Kliniken auf jeden Fall wichtig.“

Rund 50 Proben aus Kirchheim und Nürtingen werden im Labor auf dem Säer täglich analysiert. Daran hängen nicht nur beide Krankenhäuser, sondern auch Pflegeheime. Ob es sich um Mutationen des Coronavirus handelt, kann hier nicht untersucht werden. Dazu sind nur die Uni-Kliniken in der Lage. Bis von dort ein Ergebnis vorliegt, dauert es in der Regel zwei Tage. Doch auch ohne die aufwändigeren Untersuchungen stößt das Labor in Nürtingen häufig an seine Belastungsgrenze. So wie vergangene Woche, als allein in Nürtingen fast 400 Klinik-Mitarbeiter getestet wurden. In solchen Fällen greifen auch die hauseigenen Labore auf externe Hilfe zurück.

Was eine mögliche Gefahr der Virus-Mutationen für die Wirksamkeit der bekannten Impfstoffe angeht, bleibt die Laborleiterin relativ gelassen. Klar sei, dass die Impfstoffe in gewissen Zeiträumen überprüft werden müssten. Das kenne man schon von der Virusgrippe. „Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass dieses Virus so stark mutiert, dass wir wie bei der Influenza jedes Jahr einen neuen Impfstoff brauchen“, sagt sie.

Kritik an Schnelltests unberechtigt

Als „viel zu pauschal“ bezeichnen Mediziner wie Dr. Jörg Sagasser die Kritik und Zweifel an der Zuverlässigkeit von Corona-Schnelltests, wie sie in Kliniken und Pflegeheimen zum Einsatz kommen. Sogenannte PCR-Tests, deren Auswertung länger dauert, werden auch von Kliniken an externe Labore vergeben, wenn die eigenen Kapazitäten nicht ausreichen. Sie sprechen auch auf geringere Viruskonzen­trationen an, etwa dann, wenn Infektionen bereits am Abklingen sind. Dadurch gebe es gegenüber Schnelltests eine Lücke von wenigen Prozent, räumt der ­Medizinische Direktor der Medius-Kliniken ein.

In den Kliniken im Landkreis werden alle stationären Patienten Schnelltests unterzogen. Mitarbeiter können sich täglich auf diese Weise testen lassen. „Eine 95-prozentige Sicherheit ist besser, als gar nichts zu wissen“, sagt Sagasser. „Deshalb sollte man dieses Verfahren nicht verteufeln.“bk

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