Kirchheim

Gemeinsam andere Gedanken entwickeln

Dialog Wenn das kein Grund zum Feiern ist: Der Christlich-islamische Gesprächskreis in Kirchheim hat sich zum 100. Mal getroffen. Von Peter Dietrich

Kuchen, Baklava und gefüllte Weinblätter: Wie kann man sich auch gemütlicher nahekommen, als mit Spezialitäten aus beiden Kultur
Kuchen, Baklava und gefüllte Weinblätter: Wie kann man sich auch gemütlicher nahekommen, als mit Spezialitäten aus beiden Kulturkreisen? Foto: Peter Dietrich

Da war kein vorsichtiges Beäugen und Beschnuppern mehr nötig: In 15 Jahren und bei insgesamt 100 Treffen des Christlich-islamisches Gesprächskreises Kirchheim ist Vertrauen gewachsen. Geblieben ist in all der Zeit der feste Rhythmus: Auf drei Treffen in der Sultan-Ahmet-Moschee folgen drei Treffen im Kirchheimer Ernst-Traub-Gemeindehaus. So war beim Jubiläum die Moschee an der Reihe, was den Besuchern ein vielseitiges Buffet und Musik mit Kanun und Ney bescherte.

Pastoralreferent Reinhold Jochim lud zur Feier, alle hatten zugesagt: Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, Dekanin Renate Kath, Pfarrer Franz Keil, die Integrationsbeauftragte Christine Bald und viele andere. Auch der Islambeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Heinrich Georg Rothe, war dabei. Mit einem so lange gewachsenen Gesprächskreis, sagte er, habe Kirchheim etwas ganz Besonderes. Nur der Moschee-Vorsitzende fehlte, nächstes Wochenende heiratet sein Sohn.

Der Gesprächskreis steht jedem offen und trifft sich etwa alle sechs Wochen, meist kommen um die 15 Teilnehmer. Reinhold Jochim erinnerte an den „unvergessenen Mitbegründer“ Pfarrer Walter Gölz. Es sei ein Dialog auf Augenhöhe, in dem niemand dem anderen vermitteln wolle: „Meine Religion ist im Gegensatz zu deiner die bessere und einzig wahre.“ Aus dem Gesprächskreis he­raus sei vieles andere entstanden, von der 72-Stunden-Aktion der Jugend über gegenseitige Einladungen bis zur Menschenkette von der Moschee zur Martinskirche.

Unterschiede benennen

„Es ist mehr als nur ein Dialog“, bestätigt Bürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, es seien Beziehungen gewachsen. Sie brächten die Verpflichtung, miteinander offen über die Werte unserer Demokratie zu sprechen. Wer bei dieser Feier sitze, der wolle Begegnung. „Ich wünsche mir, dass wir aus diesem Kreis heraus auch Menschen ansprechen, die auf der Straße sind und ganz andere Gedanken haben.“

„Wenn ich Menschen, die ihre Religionen ernst nehmen, begegne, höre ich ihnen mit vollem Respekt zu“, sagte Vahit Dogruer, der stellvertretende Vorsitzende der Moschee. Radikalisierung und Gewalt in Zusammenhang mit der Religion entstehe im Grunde durch Unwissenheit. „Der Islam rechtfertigt in keinster Weise den Terror. Der Terror benutzt lediglich die Religion.“ Fundamentalismus sei ein Problem, mit dem alle Religionen konfrontiert würden.

Über Unterschiede will der Gesprächskreis offen sprechen und diese in Respekt stehen lassen. Es ging thematisch schon um die Gottessohnschaft Jesu, um das Leben nach dem Tod und das Jüngste Gericht, um Menschenrechte und Kindererziehung, um Sünde und Vergebung und Gewalt. Es habe freundliche Diskussionen gegeben, sagte Pfarrerin Frida Ro­the, aber auch heftige, bei denen man sich überhaupt nicht einigen konnte. Die Fronten waren ganz verschieden: „Mal waren sich Katholiken und Muslime näher und die Evangelischen allein, dann hatten die Muslime unter sich unterschiedliche Auffassungen.“

„Ich möchte, dass die Demokratie von uns gestärkt und verteidigt wird“, sagte Willi Kamphausen vom Kirchheimer Integrationsrat. „Ohne das Hintergrundwissen aus dem Gesprächskreis würde ich mich keine Diskussion mehr trauen“, sagte der Katholik Klaus Heinz, ein Stammteilnehmer. Dekanin Kath regte an, als Ergänzung ein- oder zweimal im Jahr ein Gespräch mit Angehörigen aller Religionen zu organisieren.

Otto Weber, Pfarrer im Ruhestand, wünscht sich „Pfeffer in die Diskussion“, dann werde es spannender. Er glaube nicht mehr so wie Luther vor 500 Jahren: „Auch der Islam wird eine Entwicklung durchmachen müssen.“ Yakub Kambir von der Sultan-Ahmet-Moschee interessierte vor allem, was vor Ort in Kirchheim passiere. „Wir müssen uns konzentrieren auf unsere kleine Welt, die wir beeinflussen können.“

Der Hodscha Muammer Agyar widersprach dem Eindruck, Muslime wollten unter sich bleiben. „Der Prophet Mohammed hat Schlüsselpositionen auch an andere vergeben - eben an die, die es am besten konnten.“ Wer Moscheen angreife, der könne kein Christ sein. „Weil ein Christ die Leute nicht so behandelt.“

Info Der nächste Gesprächskreis findet am 27. April um 19 Uhr in der Sultan-Ahmet-Moschee, das Thema ist noch offen.

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