Kirchheim

Gemeinsam schmeckt‘s am besten

Solidarität Die zwölfte Vesperkirche hat in der Kirchheimer Thomaskircher ihre Pforten vom 26. Januar bis 9.  Februar geöffnet. Dort ist jeder willkommen – egal ob als ehrenamtlicher Helfer oder Gast. Von Iris Häfner

In der Thomaskirche kommen sich die Menschen beim Essen ungezwungen näher. Fotos: Peter Dietrich
In der Thomaskirche kommen sich die Menschen beim Essen ungezwungen näher. Fotos: Peter Dietrich

Jung sitzt neben alt, Gruppen treffen sich - und viele Besucher lernen sich ungezwungen über sämtliche „Standes“-Grenzen hinweg beim Essen an einem dafür ungewöhnlichen Ort kennen. Ganz klar: Es ist wieder Vesperkirchen-Zeit in der Kirchheimer Thomaskirche. Dem Motto „Gemeinsam an einem Tisch“ kommt damit eine reale Bedeutung zu. Es funktioniert tatsächlich, denn in der Aichelbergstraße 585 kommen wenig Berührungsängste hoch. In der Regel setzen sich die Gäste dorthin, wo gerade Platz ist, und reden auch miteinander.

„Wir wollen ein Ort der Begegnung für alle Menschen sein“, sagt Gemeindediakon Uli Häußermann, der zusammen mit Claudia Brendel die Leitung der Vesperkirche inne hat. Sie findet von Sonntag, 26. Januar, bis Sonntag, 9. Februar, täglich von 11.30 bis 14 Uhr statt, serviert wird von 12 bis 13.45 Uhr. Bewusst stehen die schön gedeckten Tische, auf den Kerzen und Blumen nicht fehlen dürfen, in einem Kirchenraum. „Dort sind wir von Gott eingeladen - und damit alle Gast“, sagt Uli Häußermann. Die Rollen sind dort gerne vertauscht. Der Bänker oder der Bundestagsabgordnete bedient oder spült für die teilweise weniger begünstigten Menschen. Es finden Begegnungen auf Augenhöhe statt. „Nicht Bittsteller sein zu müssen gibt einem wieder Würde zurück. Es richtet die Menschen auf“, erklärt Ute Stolz, Gemeindepfarrerin in Neidlingen und Hepsisau. Sie wird beim Festgottesdienst am 2. Februar, also in der Halbzeit, in ihr neues Amt als Diakoniepfarrerin im Kirchenbezirk Kirchheim eingesetzt.

Vesperkirche in der Thomaskirche. Foto: Peter Dietrich
Vesperkirche in der Thomaskirche. Foto: Peter Dietrich

Es ist bereits die zwölfte Vesperkirche in der Thomaskirche. Ohne die vielen ehrenamtliche Helfer wäre die Arbeit nicht zu stemmen. „Einige sind schon immer dabei und haben an kaum einem Tag gefehlt“, erzählt Claudia Brendel. Doch langsam zeichnet sich ein Mitarbeiterwechsel ab. Das Leitungsteam hat sich über die vielen Anrufe und Zusagen gefreut, die nach dem Aufruf im Teckboten und beim Maultaschenessen vor dem Kornhaus eingegangen sind. „Ich bin seit einem viertel Jahr im Ruhestand, ich mach das jetzt gerne“, erklärte beispielsweise ein künftiger Mitarbeiter. Die Veranstalter rechnen mit 275 Essen pro Tag. Es waren auch schon mal 300. „Aber das hat uns an unsere Grenzen gebracht“, gesteht Claudia Brendel. Weil es keine Sitzplätze mehr gab, bildeten sich Schlangen.

Über 40 Ehrenamtliche bedienen und spülen, schöpfen Suppe, schneiden Kuchen und vieles mehr für ihre Gäste. Das Essen kommt wie seit Jahren vom Caterer Aramark, der im Sirius Business Park Nabern für die Kantine täglich mehrere Hundert Speisen kocht. Zur warmen Hauptmahlzeit gibt es in der Regel Suppe, Salat und eine Nachspeise sowie Getränke. Doch damit nicht genug. Es folgen Kaffee und Kuchen. Täglich werden 25 Stück gebraucht, weshalb Kuchenspenden sehr begehrt sind. Dabei ist der gesamte Kirchenbezirk gefordert. Ute Stolz kann sich auf ihren festen Stamm von Kuchenbäckerinnen in Neidlingen und Hepsisau verlassen. Ähnlich sieht es auch in anderen Kirchengemeinden aus. Doch auch hier gilt: Neue sind immer willkommen.

Ohne fleißige Helfer wäre die Veranstaltung nicht möglich. Foto: Peter Dietrich
Ohne fleißige Helfer wäre die Veranstaltung nicht möglich. Foto: Peter Dietrich

Geldspenden sind ebenfalls hochwillkommen, weshalb eine entsprechende Box in der Thomaskirche aufgestellt ist. Die Vesperkirche finanziert sich aus Spenden. Rund 35 000 Euro werden für „diese zwei besonderen Wochen“ benötigt. Die symbolischen 1,50 Euro je Mahlzeit decken etwa 30 Prozent der Kosten.

Immer noch hält sich beim ein oder anderen hartnäckig das Vorurteil, bei der Vesperkirche handle es sich um eine Armenspeisung - und denen nimmt man nicht den Platz weg. „Uns ist aber die Gemeinschaft wichtig“, kommt Uli Häußermann wieder auf den Ursprungsgedanken der Kirchheimer Vesperkirche zurück: Alle sind willkommen. Deshalb fährt auch wieder ein kostenloser Bus. Er startet um 11.30 Uhr in Lindorf. Über Ötlingen geht es durch die Kirchheimer Innenstadt mit vier Haltestellen, ehe der Bus in der Freiwaldaustraße ankommt. Nach dem Essen geht‘s wieder zurück.

 

Info: Der Kirchenraum wird an den drei Sonntagen in der zweiwöchigen Vesperkirchen-Zeit seiner Bestimmung gemäß genutzt. Den Eröffnungsgottesdienst am 26. Januar hält Dekanin Renate Kath. Am 2. Februar wird Ute Stolz als Diakoniepfarrerin im Kirchenbezirk Kirchheim in einem Festgottesdienst in ihr Amt eingesetzt, und zum Abschluss am 9. Februar predigt Pfarrer Arnd Kaiser. Beginn ist jeweils um 10.30 Uhr.

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