Kirchheim

Geschichte lässt sich „live“ erleben

Zeitung Fortbildung zeigt, wie Teckboten-Seiten aus der Frühphase der Weimarer Republik den Geschichtsunterricht mit lokalem Geschehen bereichern. Von Andreas Volz

Um den Übergang von der Monarchie zur Republik im Winter 1918/19 im Schulunterricht zu erarbeiten, können alte Teckboten-Ausgabe
Um den Übergang von der Monarchie zur Republik im Winter 1918/19 im Schulunterricht zu erarbeiten, können alte Teckboten-Ausgaben die Geschichtsbücher ergänzen. Foto: Jean-Luc Jacques

Die Zeitung als Unterrichtsmaterial? Das geht nicht nur mit der jeweils aktuellen Zeitung im Projekt „Wir lesen intensiv“. Es funktioniert auch mit historischen Ausgaben: Bei einer regionalen Fortbildung des Arbeitskreises „Landeskunde/Landesgeschichte“ für Geschichtslehrer aller Schularten stand der Teckbote im Mittelpunkt - Kirchheimer Zeitungsseiten aus den Jahren 1918 und 1919.

Matthias Fellinghauer berichtete im Henninger-Saal der Kreissparkasse über „Chancen und Herausforderungen“. Herausforderungen gibt es viele: Zum einen sind die Zeitungstexte nicht so einfach zu beschaffen. Dann ist da noch die Frakturschrift, die heutigen Schülern nicht mehr geläufig ist. Hinzu kommt ein ungewohnter Sprachduktus der alten Texte sowie deren Zeitgebundenheit.

Letzteres ist aber auch eine Chance. Schließlich soll die Arbeit mit historischen Zeitungstexten „eigenständiges und forschendes Arbeiten“ ermöglichen. Außerdem gibt es wohl kaum bessere Texte, um sich mit „historischem Denken“ vertraut zu machen. Das Lesen der Frakturschrift sei letztlich doch schnell zu erlernen. Und was die Zugänglichkeit der Texte betrifft, sprach der Gymnasiallehrer von der „großen Bereitschaft der Archivare vor Ort, Geschichtslehrer zu unterstützen“.

Die größte Chance ist aber der regionale Bezug: Matthias Fellinghauer setzt den Teckboten sogar in Plochingen ein, um diesen Bezug herzustellen. Natürlich sollen die lokalen Ereignisse die „große“ Geschichte nicht ersetzen, sondern „nur“ ergänzen. Das Geschehen vor Ort zeigt, dass sich die Themen aus dem Geschichtsbuch seinerzeit eben „live“ vor Ort widerspiegelten, sei es in der Heimat- oder in der Nachbarstadt. Vor allem aber kann es die Schüler emotional „packen“ - wenn sie beispielsweise von einer Massenversammlung auf dem Kirchheimer Rossmarkt lesen, zu der es im November 1918 am Tag nach der Republik-Ausrufung im fernen Berlin gekommen war.

Kirchheims Stadtarchivar Dr. Frank Bauer stellte ebenfalls den Bezug zwischen deutscher oder europäischer Geschichte und der Geschichte vor Ort dar. Dass sich die deutsche Revolution im November 1918 in geordneten Bahnen vollzogen habe, lag auch an den „Schreckensbildern aus Russland“: Der Schatten der Oktoberrevolution erkläre durchaus, „warum der Wunsch nach radikalen Veränderungen in Deutschland und vielleicht auch in Kirchheim nicht ganz so stark ausgeprägt war“.

Radikale Veränderungen vollzogen sich aber trotzdem, wenn auch auf einer ganz anderen Seite und zunächst einmal eher schleichend und unbemerkt. Steffen Seischab, der das Buch „Land um Teck und Neuffen - zwischen Nazis und Kommunisten“ geschrieben hat, berichtete von seinen Erfahrungen, auch die Zeit des entstehenden Nationalsozialismus anhand lokaler Beispiele im Geschichtsunterricht aufzubereiten.

NS-Strategien in der Region

Von Januar 1920 bis August 1923 seien südwestlich von Stuttgart neun Ortsgruppen der NSDAP gegründet worden - an strategisch günstigen Orten, die gut mit der Bahn zu erreichen waren. Anfangs ging es der Partei um größtmögliche Aufmerksamkeit, die sie regelmäßig durch Krawalle erreichte. Berühmt-berüchtigt war die Göppinger „Schlacht am Walfischkeller“ im Dezember 1922, gerade mal vier Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs. Das führte dazu, dass in Württemberg Veranstaltungen der NSDAP verboten wurden. Die Partei reagierte mit einer Kehrtwende auf die veränderte Situation: Fortan fungierte die SA im Land als scheinbar harmlose Wander- und Sportabteilung.

Weitere Aufmärsche dienten vor allem als Demonstration dafür, dass die NSDAP auch geordnet und diszipliniert vorgehen kann. Die Sonnwendfeier 1923 in und um Kirchheim war in diesem Sinn ein voller Erfolg: Im Teckboten stand zu lesen, dass sich hier keine „zügellose Horde“ gezeigt habe. Gelobt wurden „Pünktlichkeit und Genauigkeit“ der Organisation. Dass zeigt, dass Propaganda von Anfang an zu den wichtigsten Strategien der Nationalsozialisten zählte - nicht nur in München, Nürnberg oder Berlin, sondern auch in Kirchheim, Owen oder Oberlenningen. Auch die dunklen Seiten der Geschichte lassen sich also durch Zeitungstexte auf lokaler Ebene erforschen.

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