Kirchheim

„Gleichberechtigung ist dann erreicht, wenn die sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielt“

Stefanie Eichhorst und Mareike Jokisch sind seit mehr als eineinhalb Jahren ein Paar. Mit Kritikern gehen sie souverän um.Foto:
Stefanie Eichhorst und Mareike Jokisch sind seit mehr als eineinhalb Jahren ein Paar. Mit Kritikern gehen sie souverän um.Foto: pr

Kirchheim/Illmenau. Nach vielen Jahren Versteckspiel war es endlich raus: Mit 18 Jahren hat sich Stefanie Eichhorst aus Kirchheim geoutet und steht seither zu ihrer Homosexualität. Im Oktober 2014 ist sie zum Studieren nach Ill­menau in Thüringen gezogen. Die 23-jährige Kirchheimerin hat dort nicht nur ein neues Zuhause gefunden, sondern auch eine Partnerin. Seit mehr als eineinhalb Jahren ist sie mit der Auszubildenden Mareike Jokisch zusammen. Sie stehen zueinander - auch wenn ihre Liebe nicht immer von allen akzeptiert wird. Mit der „Ehe für alle“ ist laut den beiden der erste Schritt in Richtung Gleichberechtigung geschafft.

Wie habt ihr euch kennengelernt? Ist die Partnersuche schwieriger als bei Heterosexuellen?

Stefanie Eichhorst: Ich war in einer WhatsApp-Gruppe mit Homo- und Bisexuellen aus ganz Deutschland. Das war keine Partnersuche. Wir haben uns einfach untereinander ausgetauscht und unterhalten. Ein paar Tage später kam auch Mareike in die Gruppe. Wir kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie ganz in der Nähe von meinem Studienort wohnte.

Mareike Jokisch: Stefanie kam mir von Anfang an sehr sympathisch vor. Also haben wir angefangen, auch außerhalb der Gruppe zu schreiben, dann zu skypen, und schließlich haben wir uns getroffen.

Stefanie Eichhorst: Die Partnersuche als Homosexuelle finde ich nicht einfach. Gefühlt sind alle schon vergeben. Es ist also schwer, Singles kennenzulernen. Außerdem weiß man ja nicht, wie die Leute sexuell orientiert sind, und die meisten sind eben heterosexuell.

Mareike Jokisch: Ich habe eigentlich nie bewusst nach einer Partnerin gesucht. Das war reiner Zufall.

Ein Blick zurück in die Jugend: War für euch immer klar, dass ihr eure Liebe zum gleichen Geschlecht öffentlich zeigen wollt? Wenn nein, wieso gab es Zweifel?

Eichhorst: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt damals keine Gedanken gemacht. Ich war damit beschäftigt, es zu verdrängen. Erst als sich ein Pärchen in meiner Fußballmannschaft geoutet hat und die beiden nur positive Reaktionen bekommen haben, habe ich mich geoutet. Da war ich 18 Jahre alt.

Jokisch: Für mich war es schwer, zu meiner sexuellen Orientierung zu stehen. Ich bin in einem eher konservativen Ort aufgewachsen, und meine Mutter war anfangs dagegen.

Der Bundestag hat die Ehe für alle beschlossen. Ändert sich jetzt etwas für euch?

Eichhorst: An unserem Alltag ändert das noch nichts. Heiraten kommt für uns auf jeden Fall infrage, aber noch nicht sofort.

Jokisch: Es ändert eher etwas im Hinblick auf unsere Zukunft und an den Rechten von gleichgeschlechtlichen Ehepartnern.

Würdet ihr sagen, dass ihr nun gleichberechtigt seid oder muss sich eurer Meinung nach noch etwas ändern?

Eichhorst: Ich würde sagen, vollständige Gleichberechtigung ist dann erreicht, wenn die sexuelle Orientierung eines Menschen keine Rolle mehr spielt, sondern es nur noch darauf ankommt, was für ein Mensch man ist.

Wie geht ihr mit Menschen um, die eure Liebe nicht akzeptieren oder tolerieren?

Eichhorst: Kommentare oder Blicke auf der Straße ignoriere ich einfach. Wenn ich mit einer Person spreche, die gleichgeschlechtliche Liebe nicht toleriert, verteidige ich meine Meinung, und meine Freunde unterstützen mich dabei.

Jokisch: Ich sage immer ganz offen meine Meinung und werde dabei von meinen Freunden unterstützt.

Sehen die Ehe-für-alle-Gegner euch jetzt vielleicht nach und nach als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft an?

Eichhorst: Es wird immer Gegner geben, egal ob sie generell gegen Homosexuelle sind oder nur gegen die Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren. Man merkt aber, dass die Menschen momentan immer toleranter werden. Dass das Gesetz sich noch zusätzlich darauf auswirkt, glaube ich weniger - wenn, dann minimal.

Jokisch: Ich denke nicht, dass ein Gesetz Ansichten ändern kann. Vielleicht die von künftigen Generationen.   Melissa Seitz

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