Kirchheim

Heilig‘s Blechle

Mit dem Motorrad zum Gottesdienst – Evangelische Pfarrer räumen mit verstaubten Klischees auf

Nicht nur das kirchliche Orgelspiel ist Musik in den Ohren von Wilfried Veeser, Daniel Trostel und Christoph Schweikle. Beim Klang röhrender Öfen schlägt das Herz der drei evangelischen Pfarrer schneller. Sie sind begeisterte Motorradfahrer.

Wilfried Veeser (links), Daniel Trostel (Mitte) und Christoph Schweikle schlagen mit dem Motorrad Brücken zu ihren Kirchenmitgli
Wilfried Veeser (links), Daniel Trostel (Mitte) und Christoph Schweikle schlagen mit dem Motorrad Brücken zu ihren Kirchenmitgliedern. Foto: Daniela Haußmann

Kirchheim/Dettingen. Im Frühjahr kribbelt es wieder, da kommt der Drang auf, die Maschine endlich aus der Garage zu holen. Dem Kirchheimer Kirchenmann Christoph Schweikle und seinen beiden Dettinger Amtskollegen Wilfried Veeser und Daniel Trostel ergeht es in diesem Punkt genau wie vielen Tausend anderen Motorradfahrern: Nach der langen Winterpause zieht es sie auf die Straßen. Im Verlauf der Saison knattern Veeser und Schweikle häufiger mit dem Motorrad zu Gottesdienst und Terminen, während sich Daniel Trostel gelegentlich ein Krad leiht, um bei einer Fahrt ins Grüne die Seele baumeln zu lassen.

Auf ihren heißen Öfen sind die drei ein echter Hingucker. „Keiner rechnet damit, dass ein Pfarrer Motorrad fährt“, erzählt Trostel, der immer wieder in völlig überraschte Gesichter sieht, wenn er den Helm abnimmt. Ähnliche Erfahrungen machte Christoph Schweikle vor ein paar Jahren im Religionsunterricht an der Schule. Als der Theologe mit seiner Yamaha XJ 900 vorfuhr, konnten seine Schüler nicht so recht glauben, was sie sahen, und fragten deshalb gleich nach, ob die rote Maschine auf dem Lehrerparkplatz tatsächlich ihm gehörte. „Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer“, lacht Schweikle. „In den anderen Klassen, in denen ich an diesem Tag unterrichtete, wussten dann schon alle, dass der Pfarrer Motorrad fährt.“

Ein Kirchenmann auf zwei motorisierten Rädern ist eine kleine Kuriosität. „Es passt nicht ins Bild vom soliden Pfarrer, der am Sonntag auf die Kanzel steigt, die Predigt hält und sich am Gartenzaun mit den Gemeindemitgliedern unterhält“, meint Daniel Trostel. Umso größer sei die Überraschung, wenn das verstaubte Klischee durchbrochen wird. „Pfarrer sind“, laut Wilfried Veeser, „eben auch nur Menschen.“ Mit dem Motorrad lassen sich seiner Erfahrung nach Brücken schlagen. Er komme mit Gemeindemitgliedern ins Gespräch, die ihn durch seine Passion von einer ganz anderen, persönlicheren und weltlicheren Seite kennenlernen. Das stärke die Beziehung zu den Menschen, fördere den Austausch und schaffe Vertrauen.

Wilfried Veeser und seine Pfarrkollegen sind Genießer. Sitzen sie auf ihren Maschinen ist der Weg das Ziel. „Die Natur nimmt man auf dem Motorrad einfach ganz anders wahr“, weiß Veeser, der sich der Schöpfung bei einer Fahrt auf seiner BMW K1600GT viel näher fühlt als im Pkw. „Es ist ein aktives Fahren, bei dem der ganze Körper eingesetzt wird“, erzählt der Theologe, der bei aller Begeisterung nie die Sicherheit aus den Augen verliert. Schutzbekleidung gehört für ihn ebenso zum Motorradfahren, wie die Rücksichtnahme auf andere Verkehrsteilnehmer.

Einmal hat es ihn wegen des Fahrfehlers eines Pkw-Lenkers mit seinem Bike in ein Maisfeld verschlagen. „Er hat mich beim Überholen schlichtweg übersehen“, erinnert sich Wilfried Veeser. „Dank Schutzbekleidung und ABS trug ich keine schlimmen Verletzungen davon.“ Der Theologe appelliert deshalb an alle Motorradfahrer, vorausschauend zu fahren und einen Sicherheitspuffer einzuplanen. Daniel Trostel betont, dass diejenigen, die das Geschwindigkeitspotenzial ihres Bikes ausreizen wollen, lieber einen Tag auf der Rennstrecke verbringen sollten, anstatt auf öffentlichen Straßen am Gas zu drehen. Jeder Fahrzeuglenker, das gilt nicht nur für Biker, trägt eine Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Verkehrsteilnehmer.

Christoph Schweikle betont, dass auch Pkw-Lenker Rücksicht auf Motorradfahrer nehmen sollten. Das gilt vor allem am Beginn der Zweiradsaison, wenn vom Winter noch Rollsplitt auf der Straße liegt oder an Stellen wie Brücken und Tunneln noch die Gefahr von überfrierender Nässe besteht. „Diese Faktoren können zu Stürzen führen. Deshalb sollten nicht nur Biker, sondern auch Autofahrer einen Sicherheitsabstand wahren und mit angepasster Geschwindigkeit fahren“, sagt er. Daniel Trostel bringt es auf den Punkt: „Nächstenliebe gilt auch im Straßenverkehr.“

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