Kirchheim

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein“

Rummel Verkaufsoffener Sonntag, der Jahrmarkt auf dem Ziegelwasen und ein prächtiger Frühlingstag haben gestern für buntes Gewimmel in der Stadt gesorgt. Von Andreas Volz

Verkaufsoffener Sonntag Vergnügungspark ZiegelwasenMärzenmarkt
Verkaufsoffener Sonntag Vergnügungspark ZiegelwasenMärzenmarkt

Noch sind „Strom und Bäche“ nicht gänzlich „vom Eise befreit“: An der Lindach in Kirchheim halten sich noch trotzige Eisreste, die daran erinnern, wie es bis vor Kurzem noch war: eisig kalt. Bis zum gestrigen Sonntag aber hatte sich das alles schlagartig gewandelt - und zwar „durch des Frühlings holden, belebenden Blick“.

Es ist eine wahre Wonne, sowohl beim verkaufsoffenen Sonntag in Kirchheim und Dettingen als auch auf dem Ziegelwasen zu beobachten, welche Kraft die Sonne bereits entwickeln kann. Genau so, wie es Goethe schon vor über 200 Jahren beschrieben hat, läuft es da auch in Kirchheim ab: Die Sonne bringt „geputzte Menschen“ ans Licht, und von überall „dringt ein buntes Gewimmel hervor“. Und weiter im Text, der auch vier Wochen vor dem Osterfest bereits seine Gültigkeit hat: „Jeder sonnt sich heute so gern.“

Tatsächlich sind die Einkaufs-, Markt- und Ziegelwasenbummler schon auf die Sonne eingestellt und überwiegend mit dem wichtigsten Accessoire zum Sonnen ausgestattet: mit der Sonnenbrille. Weil man aber dem Wetter doch noch nicht so recht trauen mag, ist häufig noch die Kombination von Sonnenbrille und Schal anzutreffen. Überhaupt stecken die meisten in viel zu dicken Winterjacken, nur vereinzelt ist mal jemand kurzärmelig unterwegs.

Die Temperaturen sind denn auch das beherrschende Gesprächsthema. Von der sachlich-nüchternen Feststellung „Heut‘ isch‘s aber warm“ reichen die Aussagen bis hin zur Selbstkritik: „Bin scho wieder viel z‘ warm åzoga.“ Die unpassend winterliche Bedeckung passt sogar zum Marktbrunnen - obwohl man noch vor wenigen Tagen gedacht hätte, er müsste dieses Mal wohl das ganze Jahr über verschalt bleiben.

Lange Schlangen vor der Eisdiele

So aber bedecken sich vor allem die Stühle in den Straßencafés und die Bänke in den Biergärten - mit Menschen. Fast nirgends ist mehr ein freies Plätzchen zu ergattern. Lange Schlangen bilden sich vor den Eisdielen. Auch diese Lage, die der Lenz eben so mit sich bringt, hat Goethe bereits vorausgesehen: „Hier ist des Volkes wahrer Himmel, / Zufrieden jauchzet Groß und Klein:  /  Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“

Dieses Motto gilt natürlich erst recht auf dem Rummelplatz, wo sich zur Mittagszeit besonders oft „Groß und Klein“ gemeinsam in eines der Boxautos zwängen. Der Autoscooter ist voll in Familienhand, und fast immer sitzt ein Elternteil mit einem Kind im gummibewehrten Elektrofahrzeug.

Nebenan freuen sich bereits die Größeren: Zu den Schupfnudeln müssen sie keinen Glühwein schlürfen. Stattdessen wird auf dem Dach der Versorgungshütte „Bier frisch vom Fass“ beworben. Und feste Wände braucht es auch nicht, denn die Gäste sitzen im Freien. Manche ziehen sich freilich schon unters schützende Zeltdach zurück, denn auch die Sonnenstrahlen muss man fein dosieren - ganz besonders die ersten!

Weiter geht es auf dem Rummel, jetzt wieder mit Angeboten für die Kleinen wie Karussell und Büchsenwerfen. Zuckerwatte, Magenbrot und gebrannte Mandeln machen dann „Groß und Klein“ wieder im Verein zufrieden, während das Fahrgeschäft mit Überschlag und Kopfstand die ganz Großen und die ganz Kleinen ganz außen vor lässt. Die Sicherheitsbestimmungen schreiben als „Normalmaß“ ein Minimum von 1,40 Meter Körpergröße vor. Größer als 1,95 Meter darf man aber auch nicht sein, denn dann ist man über das Ziel hinausgeschossen.

Wer grundsätzlich hoch hinaus will, setzt sich ins Riesenrad, das so treffend den Lauf der Welt widerspiegelt: Es erinnert an das Rad der Fortuna, das die Menschen so schnell wieder nach unten bringt, wie es sie zuvor nach oben getragen hat. Noch schneller geht das links nebenan, und im Gegensatz zum Riesenrad zeigt dieser andere Jahrmarktsklassiker auch namentlich an, wie es im Leben zugeht: die „Berg- und Talbahn“.

Ob es nun an der Geschwindigkeit liegt oder am Gedränge - mitunter geht dann auch mal was verloren. Gestern war es eine einsame Wintermütze, die der Finder auf das Haltestellenschild der Stuttgarter Bimmelbahn am Rummelplatz gelegt hatte. Die Mütze hat Symbolcharakter: Einerseits singt sie „Winter ade“. Andererseits aber sorgt sie dafür - so sie denn „Klein“ gehört hat -, dass ein „Groß“-Teil nicht ganz zufrieden sein wird. Aber das müsste sich verschmerzen lassen, denn insgesamt waren gestern alle rundum zufrieden: Händler und Schausteller ebenso wie ihr Publikum.

1 Jörg Bächle war mit der Kamera unterwegs. Weitere Fotos gibt es in einer Bildergalerie im Internet unter der Adresse www.teckbote.de.

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