Kirchheim

Hier „brät Pitt“ mit Willy Astor

Kabarett Wortakrobat und Sprachkünstler Willy Astor begeistert in der ausverkauften Stadthalle. Schnell wird klar: Das ist Humor „vom Erzeuger“ und nicht von einem Ghostwriter. Von Ulrich Stähle

Dass eine halbe Stunde vor Vorstellung die Stadthalle schon voll besetzt ist, dass sogar Stuttgarter nach Kirchheim zu einer kulturellen Veranstaltung anreisen, das passiert, wenn Willy Astor auftritt. Der 1961 in München geborene Kabarettist, Liedermacher und Komponist hat eine Fangemeinde, die an seinen Lippen hängt und bereitwillig Anfahrtswege und Eintrittspreise auf sich nimmt. Ganze Familien rücken an.

Astors Botschaft lautet, das sagt er ausdrücklich: „Ich möchte euch zum Lachen bringen.“ Lachen hilft, das Leben zu bestehen. Er empfiehlt, wieder kindlich zu werden und kindliche Albernheiten zuzulassen: „Albernheiten verhindern den Ernst der Lage.“ Doch kindlich heißt bei Astor nicht kindisch, und Albernheit heißt nicht oberflächliche Witzelei, sondern er bietet intelligente und witzige Pointen. Das ist das Erstaunliche an seiner Darbietung: Er arbeitet mit der Sprache. Er montiert Wörter auseinander und setzt sie wieder neu zusammen. Er hört das Klangbild eines Wortes oder von Wortverbindungen und stellt sie in neue Zusammenhänge. Am bekanntesten ist sein Märchen vom „Radkäppchen und dem bösen Golf“, bei dem Wortspielereien mit Autoteilen und Automarken betrieben werden.

In Kirchheim begrüßt er das Publikum, indem er auf eine große wellige Kamm-Attrappe deutet und spricht: „Welcome“. Aus „wel“ wird das deutsche „wellig“, aus „come“ wird „Kamm“, klanglich ist das kein Problem. Mit diesem spielerischen Umgang mit der Sprache nimmt sich Astor beim Kirchheimer Auftritt verschiedene „Themenkreise“ vor, zum Beispiel den Seniorenalltag, die Jugend, die sich im Hotel „Mama“ wohl fühlt oder eine WG, in der er angeblich in Berlin gelebt hat. Sie ist bevölkert von Prominenz in neuen Rollen. Brad Pitt wird beispielsweise zum Koch: „Heute brät Pitt“.

Die Kaskaden von Wortspielereien erfordern ein hohes Maß an Bereitschaft und Aufmerksamkeit beim Zuhörer. Es ist höchst erfreulich, dass das heutige Publikum trotz neuer Medien an diesen Sprachspielereien einen riesigen Spaß hat. Man musste befürchten, dass die Sprachkomik eines Heinz Erhardt („Noch‘n Gedicht“) nicht mehr zündet. Aber sie zündet noch. Er ist nicht nur „Wortverdreher“, wie Astor allgemein etikettiert wird, sondern zugleich „Wortschöpfer“. Somit kann man ihn sogar in der Literaturgeschichte verankern als Nachfahre der „Konkreten Poesie“ eines Ernst Jandl. Das klingt elitär, trifft aber für Astor überhaupt nicht zu. Seine Popularität ist sicherlich auch darin begründet, dass er, aus einfachen Verhältnissen stammend, Bodenhaftung hat und nah „bei de Leut“ ist. Die Leute spüren auch, dass sein Humor „vom Erzeuger“ stammt, nicht von einem Ghostwriter.

Damit die Zuhörer nicht überstrapaziert werden, bezieht Astor immer wieder das Publikum ein. Er füttert das Kirchheimer Heimatgefühl und animiert zum aktiven Mitmachen. Vor allem aber streut er, weil er es hervorragend kann, immer wieder musikalische Einlagen ein, Lieder mit Gitarren- oder Keybordbegleitung. Wie mit der Sprache spielt er auch mit Musikformen wie Rap, Slam-Poetry und chansonhaften Liedern. Die Übergänge sind fließend. Den Schluss des Programms lässt er sowohl von den Texten als auch von der Musik her sehr poetisch und nachdenklich ausklingen. Hier scheint er ganz bei sich zu sein und gibt diese Botschaft weiter. Sie kündet vom einfachen Leben, von Freundschaft und Frieden.

Großer Jubel und großer Andrang am Verkaufsstand zum Sig­nieren. Astor ist nicht nur ein Sprach-, sondern auch ein Bühnenprofi mit dreißigjähriger Erfahrung. Er vermarktet seine Produktionen auch mittels CDs und Büchern, nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder. Da er Niveauvolles zu bieten hat, sieht man auch diesen Vorgang mit Wohlwollen. Dem Vernehmen nach ist das Multitalent bis ins Jahr 2018 ausgebucht. Vielleicht ergibt sich wieder ein Termin in Kirchheim.

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