Kirchheim

High-Tech-Firmen „basteln“ gemeinsam

Pandemie In der digitalen Welt hat sich eine Gruppe zusammengefunden, die möglichst schnell ein günstiges Beatmungsgerät herstellen will. Beteiligt daran ist das Kirchheimer Unternehmen „pragmatic minds“. Von Andreas Volz

Wer in Zeiten der Coronakrise nach Ursachen oder Verantwortlichen sucht, landet schnell bei der Globalisierung. Tatsächlich hat das Virus ja längst jeden Winkel im globalen Dorf erreicht. Und die bisher geübte Praxis, in weitaus weniger als 80 Tagen um die Welt zu reisen - eines der Hauptmerkmale der Globalisierung - hat einen wesentlichen Teil dazu beigetragen. Ein anderes Merkmal dagegen hat mit der Verbreitung der Krankheit nichts zu tun: die Digitalisierung. Auch wenn sie regelmäßig ihre eigenen Viren hervorbringt, ist sie derzeit auf dem Vormarsch. Das Homeoffice lässt grüßen.

Nun kann die Globalisierung aber gerade durch die digitale Vernetzung beweisen, dass sie in der Lage ist, die Krankheit, die durch das Coronavirus ausgelöst wird, wirksam zu bekämpfen: Dr. Julian Feinauer ist Gründer und Geschäftsführer von „pragmatic minds“. Normalerweise kümmert sich das Start-up-Unternehmen, das unlängst von Nürtingen nach Kirchheim umgezogen ist, im Zusammenhang mit der „Industrie 4.0“ um Datenanalyse und um das Entwickeln von Algorithmen.

Jetzt hat Julian Feinauer aber eine ganz neue Aufgabe gefunden, der er sich als Privatperson widmet - unter Nutzung der Ressourcen seines Unternehmens: Er ist beteiligt an der Entwicklung eines einfachen, aber wirkungsvollen Beatmungsgeräts, das sich schnell und kostengünstig sowie in vergleichsweise hoher Stückzahl herstellen lässt.

„Entstanden ist das Projekt aus dem Hackathon WirVsVirus der Bundesregiertung“, berichtet Julian Feinauer. Aber nicht nur diese Initialzündung war digitaler Natur, sondern auch die gesamte folgende Arbeit: „Wir sind jetzt eine Gruppe von etwa 400 Leuten, ohne einen offiziellen Namen. Die Kommunikation läuft über Chat, auf Deutsch. Wo aber die einzelnen Leute sitzen, weiß ich gar nicht. Das ist im Prinzip auch vollkommen egal.“ 30 bis 40 Firmen hätten ihre Mitarbeit angeboten: „Das reicht von kleinen Unternehmen bis hin zu einzelnen Abteilungen von Weltfirmen, die ihre Kapazitäten zur Verfügung stellen.“

Bei allen steht das Ziel im Vordergrund: „Wir wollen per Low-Cost-Regelung ein Gerät zur Verfügung stellen, das alle Grundanforderungen erfüllt.“ Das Prinzip sei das eines Beatmungsbeutels, der in diesem Fall allerdings nicht manuell betrieben wird. „Die Schwierigkeit besteht darin, dass das Gerät die Atmung des Patienten erkennen und unterstützen muss.“ Das erfülle der Prototyp.

Trotzdem ist es mit einem richtigen Beatmungsgerät nicht zu vergleichen: „Unserem Gerät fehlt es da an der Langlebigkeit und an der Robustheit. Es ist ja eher eine Do-it-yourself-Bastellösung, die vor allem in Notsituationen zum Einsatz kommen soll.“ Eine „Bastellösung“ ist sogar die Rechtsform, unter der die Beteiligten zusammenarbeiten: „Wir sind formal am ehesten eine Bürgerinitiative.“

Produktion soll Ende April starten

Julian Feinauer ist innerhalb dieser Initiative unter anderem für die Kommunikation mit Unternehmen und für die Zertifizierung zuständig. Er ist zuversichtlich, dass das Gerät bereits Ende April produziert werden kann. Er rechnet mit hundert Geräten pro Woche, bei einem Stückpreis, der zwischen 50 und 100 Euro liegt.

Kontakt hat er auch zum hiesigen CDU-Bundestagsabgeordneten und Gesundheitspolitiker Michael Hennrich geknüpft. Der schätzt die Initiative: „Was wir jetzt brauchen, ist der Dreiklang von Innovation, Schnelligkeit und Gründlichkeit. Dafür steht dieses Projekt.“ Weltweit, aber auch in Deutschland fehle es vor allem an Schutzausrüstung, Atemmasken und Beatmungsgeräten. „Technisch kann ich das Projekt zwar nicht im Kern beurteilen“, sagt Michael Hennrich. „Aber ich unterstütze es nach Kräften, denn an der Bürokratie darf so etwas im Zweifelsfall nicht scheitern.“

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