Kirchheim

Hiobsbotschaft kurz vor Ostern

Insolvenz Die Papierfabrik Scheufelen in Lenningen wird ihre Produktion vorübergehend einstellen. Die Gespräche mit möglichen Investoren werden fortgeführt, Vertrieb und Versand laufen normal weiter. Von Iris Häfner

Die Papierfabrik Scheufelen in Oberlenningen hat noch keine Investorenlösung gefunden. Foto: Werner Feirer
Die Papierfabrik Scheufelen in Oberlenningen hat noch keine Investorenlösung gefunden. Foto: Werner Feirer

Die Situation bei der traditionsreichen Papierfabrik Scheufelen in Oberlenningen spitzt sich zu. Mit Insolvenzeröffnung am 1. April muss die überwiegende Zahl der Mitarbeiter zunächst freigestellt werden und Arbeitslosengeld beziehen. Der vorläufige Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Tibor Braun aus Stuttgart, hat die Belegschaft am Freitagnachmittag darüber in einer Belegschaftsversammlung informiert, an der auch Vertreter der Arbeitsverwaltung und der Gewerkschaft (IGBCE) teilgenommen haben. Derzeit beschäftigt Scheufelen 340 Mitarbeiter.

„Die Stimmung bei der Versammlung war gedrückt, aber gefasst. Unsere Mitarbeiter wissen, wie die Marktsituation ist“, sagt Geschäftsführer Stefan Radlmayr. Es mache traurig, wenn man was Tolles gemacht und geschafft hat, und dann doch ausgebremst wird, erklärte er im Hinblick auf das Innovationsprojekt Graspapier. „Damit haben wir eine Chance, aber eine Chance ist keine Realität“, ist sich Stefan Radlmeyr bewusst. Bis dahin sei es ein weiter Weg. In den vergangenen Tagen bekam er viel Kundenresonanz. „Die Kunden wollen wirklich gerne unser Produkt. Aber die großen Discounter fragen verständlicherweise: ,Gibt‘s euch in drei Monaten noch?‘ Da muss ich ehrlich sein - das ist ein Henne-Ei-Problem, was wir gerade haben“, so der Geschäftsführer. Die wichtigsten Kunden würden sehr darauf hoffen - und damit rechnen -, dass Scheufelen sie weiter beliefere. Durch die Landesregierung hat die Papierfabrik große Unterstützung bei der Investorensuche erhalten, freut sich Stefan Radlmeyr. „Was wir brauchen, ist Geld. Öffentliche Gelder in unseren Betrieb zu stecken, das geht nicht“, steht für ihn außer Frage.

Es werden weiter intensive Gespräche mit mehreren Interessenten geführt. „Es ist aber ein großes Rad, das wir drehen. Die Papierindustrie ist sehr kapitalintensiv. Wir arbeiten überall mit Vorkasse. Das heißt, ich bezahle den Strom für Mai“, zeigt er die Problematik auf.

Wegen massiv gestiegener Rohstoffpreise und gleichzeitigem Margenverfall bei gestrichenen Papieren musste Scheufelen Ende Januar einen Insolvenzantrag stellen. Bereits seit Ende 2016 hatte Scheufelen versucht, dem negativen Trend entgegenzuwirken. Mit Erfolg und viel Aufwand wurde die Entwicklung von bedruckbarem Graspapier vorangetrieben, um sich dem Preisdruck bei der Zellstoffversorgung entziehen zu können.

Graspapier zeichnet sich neben der regionalen Herkunft des Rohstoffs und der günstigen Kostensituation auch zudem aus, dass im Vergleich zur Zellstoffaufbereitung bei der Grasfaserstoffherstellung keine Chemikalien eingesetzt werden, sowie über 3 000 Liter Wasser und circa 3 000 Kilowattstunden Energie eingespart werden. Dadurch lassen sich pro Tonne Papier rund 1,8 Tonnen an CO2-Emissionen einsparen. „Auf der Zielgeraden ist uns das Geld ausgegangen“, bedauert Stefan Radlmayr. „Das ist angesichts des riesigen Kundeninteresses schon sehr schade. “

Keiner sichert sich den Vorsprung

Die Hoffnung, dass namhafte Wettbewerber diesen Entwicklungsvorsprung für sich nutzen könnten und Scheufelen übernehmen, hat sich bislang noch nicht realisiert. „Es wundert uns, dass keiner kommt, um sich diesen ökologischen Vorsprung zu sichern“, wundert sich der Insolvenzverwalter, da er sich der Zwickmühle bewusst ist: „Geldtöpfe lassen sich erst öffnen, wenn der Investor an Bord ist.“

Mit Hilfe eines Massedarlehens in Höhe von 3 Millionen Euro und weil die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter über Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit bezahlt wurden, war es dem vorläufigen Insolvenzverwalter und der Geschäftsleitung zunächst gelungen, die Produktion wieder aufzunehmen und fortzuführen. „Im Insolvenzverfahren dürfen aber keine Verluste zu Lasten der Gläubiger erwirtschaftet werden. Wir waren deshalb gezwungen, eine Entscheidung zu treffen und zumindest vorübergehend die Papierproduktion bei Scheufelen einzustellen“, so der Insolvenzverwalter.

Man will sich im Lenninger Tal aber noch nicht geschlagen geben. „Noch gibt es Verhandlungspartner und so lange Gespräche geführt werden, geben wir nicht auf. Deshalb werden die Mitarbeiter auch nur freigestellt und nicht gekündigt“, sagt Geschäftsführer Stefan Radlmayr.

„Es ist zum Haare raufen: Namhafte Kunden für Graspapier insbesondere aus der Lebensmittelbranche stehen Schlange, erwarten aber vor der Umstellung der Verpackungen die Investorenlösung,“ meint der Insolvenzverwalter Braun. „25 000 bis 30 000 Tonnen Graspapier im ersten Jahr könnten aus dem Stand heraus abgesetzt werden, und auf der Investorenseite wird gezögert.“

Zeitlich unbegrenzt kann allerdings nicht verhandelt werden. „Bis Ende April brauchen wir die Lösung“, sagt Tibor Braun.

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