Kirchheim

„Hochbetagte“ fordern in jeder Hinsicht heraus

Dämmerschoppen Kirchheims Oberbürgermeisterin umreißt zum Jahresbeginn die Aufgaben der Stadt, denen sie sich weiterhin stellen möchte. Von Andreas Volz

Lange Schlangen beim Defilee gehören ebenso zum Dämmerschoppen wie ein paar freundliche Worte beim Händeschütteln zur Begrüßung.
Lange Schlangen beim Defilee gehören ebenso zum Dämmerschoppen wie ein paar freundliche Worte beim Händeschütteln zur Begrüßung.Foto: Markus Brändli

Halb Kirchheim kommt zum Stelldichein beim Dämmerschoppen. Auf das lange Defilee am Eingang zur Stadthalle folgen musikalische Leckerbissen - in diesem Fall durch die neu gegründete „Big Band Kirchheim“ unter der Leitung von Daniel Bucher, die aus ehemaligen Schülern des Ludwig-Uhland-Gymnasiums besteht. Den Hauptteil des offiziellen Programms bildet eine Tour d‘Horizon zu allen wichtigen Themen des abgelaufenen wie des beginnenden Jahres, bevor der Abend in die privaten Gesprächsrunden mit offenem Ende mündet.

Gesprächsthema Nummer eins dürfte die Ankündigung der Oberbürgermeisterin gewesen sein, sich am Jahresende erneut zur Wahl stellen zu wollen. Dabei hatte sie in ihrer Rede noch sehr viel mehr Themen gestreift, die in den kommenden Jahren in Kirchheim anstehen - Themen, die sie offensichtlich weiterhin an vorderster Stelle aufgreifen, voranbringen oder auch abschließen möchte.

Dazu gehören Veränderungen in der Berufswelt, die nicht nur zum Co-Working-Space in Jesingen geführt haben: „Auch in der Verwaltung planen wir neue Arbeitswelten.“ Abteilungsübergreifend soll an Projekten gearbeitet werden, für die nicht mehr jeder Mitarbeiter sein separates Büro benötigt, bei denen man sich die Schreibtische teilt und die Arbeitszeit möglichst flexibel gestaltet.

Zu den wichtigsten Aufgaben der Stadt zählt die Oberbürgermeisterin derzeit den Wohnungsbau. „Warum nicht mit einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft?“, fragte sie beim Dämmerschoppen in die Runde.

Auch der demografische Wandel sorgt für neue Bedürfnisse beim Wohnen - wobei die Überleitung zu diesem Thema zunächst für einen Heiterkeitserfolg sorgte: Statt von „Hochbetagten“ sprach Angelika Matt-Heidecker anfänglich von „Hochbegabten“, deren Zahl sich von 2020 bis 2050 mehr als verdopple. Für 2020 rechnet Baden-Württemberg mit 315 000 Hochbetagten - also mit Menschen, die älter als 85 sind. 30 Jahre später soll diese Zahl bei 721 000 liegen. Jeder, der heute mindestens 54 Jahre alt ist und das Jahr 2050 erlebt, gehört dann selbst zum großen Kreis der Hochbetagten.

Kirchheim und die Bausubstanz

Das Bauen betrifft indessen nicht nur Wohnungen, sondern auch die historische Bausubstanz. Wachthaus und Linde waren unstrittig, weil die Stadt deren Erhalt anstrebt, und sei es auch nur der Erhalt der Fassade. Beim neuen Waldhorn dagegen gab es heftigen Widerspruch unter den Zuhörern, als die Oberbürgermeisterin sagte: „Ich denke, da konnte ein guter Kompromiss gefunden werden.“ Die Farbgestaltung wiederum sei die alleinige Entscheidung des Eigentümers.

Auf eine beachtliche historische Substanz kann mittlerweile das Frauenwahlrecht zurückblicken, bei dem Deutschland vor hundert Jahren Vorreiter war. Auch in Kirchheim kandidierten 1919 zum ersten Mal Frauen bei der Gemeinderatswahl - wenn auch zunächst ohne Erfolg. Es dauerte bis 1947, bevor Frieda Keppler als erste Frau am Kirchheimer Ratstisch Platz nehmen konnte. 2019 sind wieder Kommunalwahlen - und die Oberbürgermeisterin appellierte eindringlich an alle Zuhörer: „Leisten Sie Ihren Beitrag zum Gelingen unserer Demokratie.“

Als Vorkämpfer für die Demokratie ehrte Angelika Matt-Heidecker den Revolutionär Friedrich Tritschler, dessen Freiheitsfahne in Schwarz-Rot-Gold sie zum Dämmerschoppen in die Stadthalle bringen ließ. Mit dabei war auch ein besonderes Prunkstück: der Widerholt-Pokal, der im Sommer nach Augsburg „wandert“ - zur Ausstellung zum 500. Todestag Kaiser Maximilians I.

Das gemeinsame Anstoßen erfolgte aber nicht aus diesem Prachtpokal. Die entsprechende Tradition ist längst abgeschafft.

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