Kirchheim

Hypnotisch gute Musik

Konzert Die „BabY BoOmern“ begeistern das Publikum in der Bastion mit Improvisationslust und Einfallsreichtum. Die Songs bewegen sich irgendwo zwischen Rock und Jazz, Hendrix und Radiohead. Von Elisabeth Selch

Geballte „Sachsenpower“: Die „BabY BoOmer“ aus Leipzig in der Bastion.Foto: Tanja Spindler
Geballte „Sachsenpower“: Die „BabY BoOmer“ aus Leipzig in der Bastion.Foto: Tanja Spindler

Freunde der Bastion kennen sicherlich zumindest ein Gesicht der „BabY BoOmer“: Werner Neumann (Gitarre) trat auch schon öfters mit der Kultband „Drei vom Rhein“ in Kirchheim auf. Nun trat geballte „Sachsenpower“ aus Leipzig auf die Bühne des Gewölbekellers: Mit Werner Neumann, Robert Lucaciu (Bass), Philipp Scholz (Drums) und Florian Kästner (Fender Rhodes Piano) fanden absolut hochkarätige Jazzmusiker zusammen. Ihre Songs bewegen sich irgendwo zwischen Rock und Jazz, Hendrix und Radiohead - es gibt Musik, die in keine Schubladen passt. Das wird schon beim ersten Song, „No kissing“ deutlich; irgendwie expressionistisch, auch abstrakt klingen die vielen einzelnen Klangbilder und Melodiefetzen, beeindruckende E-Gitarren- und Drums-Soli unterbrechen die Assoziationsketten, die der Song hervorruft. Ähnlich ist auch der Song „Fi Pi Li“, der die Eindrücke einer Fahrt von Florenz über Pisa nach Livorno in satte Klänge gießt - es muss ein sonniger Tag in idyllischer Landschaft gewesen sein, der einen solch verträumten Song hervorbrachte. Auch „Coming home“, das die Band den Veranstaltern des Konzerts widmet, weil „es hier immer ein bisschen so ist wie heimkommen“, lädt - sehr passend zum Titel - zum Träumen und Entspannen ein.

Härter und rockiger geht es bei den „BabY BoOmer“ allerdings auch. Rhythm section und Melody section treffen mal hart aufeinander, mal verschmelzen sie zu einem pulsierenden, perkussiven Sound. Mit unwiderstehlichem Drive, rasenden und virtuosen Bass- und Gitarrenläufen und beinah brutalen Tempo-Wechseln kommt „Pharao“ daher, und mit „Who the fuck is radiohead?“ zünden die vier Ausnahmekünstler ein mitreißendes Feuerwerk ab. Fast alle Songs an diesem Abend sind von Werner Neumann komponiert, bis auf „Crooked Creek“ von Jon Coward und der ersten Zugabe „No Ley-Gee-Dah“ von Pianist Florian Kästner - im Übrigen der einzige politische Song, den die Band bei Demonstrationen gegen „Legida“ spielte.

Musikalische Experimente machen nicht nur den vier kongenialen Musikern, sondern auch den Zuhörern Spaß. Warum einen Bogen nur für Streichinstrumente verwenden? Damit lassen sich ebenso gut auch dem Becken des Drumsets ungewohnte Geräusche entlocken. Und auch ein Kontrabass kann mehr, wenn man das klassische Zupfen und Streichen über den Haufen wirft und die Saiten perkussiv mit dem Bogen anschlägt. Elektronische Effekte eröffnen der E-Gitarre unendliche Möglichkeiten für Klang-Spielereien, und das Rhodes Piano mit seinem ganz eigenständigen, unverwechselbaren Klang steht den anderen Instrumenten an Verfremdungs- und Experimentierpotenzial in nichts nach. Die „BabY BoOmer“ holen alles aus ihren Instrumenten heraus, gepaart mit Improvisationslust, Einfallsreichtum und Mut. Das Ergebnis ist eine hypnotisierende Musik, die den Hörer einsaugt und lange nicht mehr loslässt. Kein Wunder, dass das Publikum in der Bastion die Band partout nicht nach der ersten Zugabe gehen lassen wollte.

Alle Songs dieses Konzerts gibt es auch auf dem Debut-Album „BabY BoOmer“, das im Mai 2015 erschienen ist.

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