Kirchheim

Ich bin alt, ich darf das

Kabarettist Thomas Reis präsentiert „Endlich 50“ im Kirchheimer Club Bastion

Kirchheim. Zu ernst sollte man das Altern nicht nehmen. Das beweist Kabarettist Thomas Reis in seinem aktuellen Programm, das er in der Bastion zum Besten gab – vor ausverkauftem Haus. „Endlich 50“: zu

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spät für eine Midlife-Crisis und zu früh für den Ruhestand. Genug gelebt, um sich ein Urteil über Macht und Mensch zu bilden und doch unsicher, welchen Ton man bei den eigenen Kindern oder dem Objekt der Begierde anschlagen soll. Es ist dieser Zwiespalt des Alters, der in Reis ein Wortgefecht der Spitzen gegen Konsumgesellschaft, Überkorrektheit und politische Irrungen entfacht.

Gekonnt wechselt der Kölner zwischen dem sächsischen, schwäbischen und wienerischen Dialekt, schlüpft unter anderem in die Rollen von Fußball-Bundestrainer Joachim Löw, Eurovision-Siegerin Conchita Wurst und Altkanzler Helmut Schmidt. In Fantasie-Dialogen lässt er Löw über eine schwule Nationalmannschaft sinnieren und Schmidt mit Hitler diskutieren – und spielt sich dabei bis an die Schweißgrenze. Reis gelingt es, die Figuren so lebendig mit der politischen Agenda zu verheiraten, dass er sich stellenweise in den Dialogen zu verlieren droht. „Schön, dass ihr auch darüber lacht, da fühle ich mich verstanden“, sagt er, als er sich aus einem wirr zu geraten drohenden Kapitel löst.

Reis brilliert immer dann, wenn er sich dem Publikum in seiner eigenen Verletzlichkeit darbietet, oder zumindest den Anschein macht. „Telefonieren war früher einfacher … rasieren aber auch“ – Kabarett, das sich mit dem Alter befasst, darf vor Körperlichkeit nicht Halt machen. Reis nimmt auch die Kehrseiten mit Humor. Das Arschgeweih, ein Überbleibsel wilderer Tage, ist für ihn eine willkommene Orientierungshilfe am Körper reifer Frauen; er sagt all das, während er eine zu enge Herrenweste trägt.

Wer 50 wird, nimmt sich mehr Zeit fürs Wesentliche – das Fernsehen zum Beispiel. In seiner One-Man-Show mit Überlänge knüpft Reis sich populäre Formate wie „Shopping Queen“ vor und schafft den Spagat, Outfit-Sorgen mit der Flüchtlingskrise zu verweben. Überhaupt: Er bezieht klar Stellung und erinnert mehrfach an die Landtagswahl. Dass er der AfD ein paar verbale Seitenhiebe verpasst, hindert ihn nicht daran, auch Angela „Mutti“ Merkel hie und da eine mitzugeben.

Zwischen Donald Trump-Schelte und Mittelmeer-Flüchtlingen, die den Gyros-Genuss von Touristen auf Kos zunichte machen, spinnt Reis eine Idee: Den Islamischen Staat in eine Bürokratie umwandeln, das wär‘s! Wenn die selbst ernannten Gotteskrieger sich vor dem Aufbruch in die Mission erst mal den TÜV für ihren Sprengstoffgürtel abholen müssten, wäre die Welt eine bessere. Das demonstriert Reis mit einer Hau-Drauf-Rhetorik, die den Gewölbekeller der Bastion in eine Höhle der starken Worte verwandelt.

Die Nähe zum Zuschauer macht der Kabarettist sich auch zugute, wenn er das letzte Kapitel des Abends aufschlägt: Reklame-Raten. Gekonnt führt er der versammelten Runde vor Augen, dass nach Schule, Studium oder Ausbildung ausgerechnet dumpfe Werbesprüche sich in ihr Hirn gezimmert haben und nicht etwa der Satz des Pythagoras oder der Kategorische Imperativ. „So nachhaltig werd‘ ich nie!“ Kulturkritik mit einem Augenzwinkern, das kann Reis.

Immer wenn sein Auftritt einen neuen Höhepunkt der Banalität erreicht, schiebt der über 50-Jährige philosophische Sentenzen ein. Reis lässt an diesem Abend kein Thema aus, das nach einem Kabarettisten wie ihm ruft – von der Flüchtlingskrise über den „technischen Autismus“, Crystal Meth und illegale Organspenden – und bewegt sich manches Mal an der Schmerzgrenze des Sagbaren. Die versammelte Menschenmenge nimmt‘s locker – auch über derbe Witze wird glucksend gelacht.