Kirchheim
„Ich bin über jedes Essen happy, das ich verkaufe“

Gastronomie Wirte erleben eine existenzielle Krise – und freuen sich über die Solidarität ihrer Gäste.

Kirchheim. Solidarität ist eine der positiven Erfahrungen in der Krise. Dass Distanz halten und enger zusammenrücken kein Widerspruch sein muss, erleben zurzeit die Gastronomen in Kirchheim. So gut wie allen steht wirtschaftlich das Wasser bis zum Hals, so gut wie alle haben staatliche Soforthilfe beantragt und fast jeder, der Essen zurzeit in Pappschachteln und Styroporbehältern aus dem Haus gibt, tut das nur, um wenigstens die Stromrechnung noch bezahlen zu können. Und trotzdem: „Wie die Leute reagieren, ist einfach nur toll“, sagt Heiko Harbort, Inhaber des Wirtshaus am Alten Wollmarkt. Gemeinsam mit mehr als zwanzig seiner Kirchheimer Wirtskollegen bietet er einen Abholservice an. Gut die Hälfte davon liefert zusätzlich direkt an die Tür. Harbort verkauft alles, was das Herz hungriger Schwaben begehrt: Gulasch, Schnitzel, Maultaschen. Etwa 15 Portionen wandern pro Tag aus seiner Küche und über die provisorische Verkaufstheke, vor der ein Spender mit Desinfektionsmittel steht. „Beim Bezahlen rundet fast jeder auf“, sagt er. „Manche Firmenkunden legen einfach einen Fünfziger drauf, nur weil sie helfen wollen.“

Gut gemeinte Almosen, von denen fast kein Gastronom sich vor Wochen erträumen ließ, dass er sie jemals brauchen würde. Bis zu 90 Prozent Umsatzverlust - für die meisten ist das inzwischen Realität. Stornierungen im Gegenwert von rund 35 000 Euro in den vergangenen Tagen steckt ein kleiner Betrieb wie der von Harbort nicht einfach locker weg. Abhol- und Lieferdienste können nur einen winzigen Teil davon auffangen. Und das auch nur, wenn der Chef allein in der Küche steht. Trotzdem sagt Harbort: „Ich bin über jedes Essen happy, das ich verkaufe.“ Allein am Herd steht auch Deniz Yurtseven vom türkisch-schwäbischen Gasthaus Scharfes Eck neben dem Finanzamt. Alle seine Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Manchmal sind es zehn Essen, die er verkauft, manchmal nur drei oder vier. „Rechnen darf man nicht, sonst hat man Tränen in den Augen“, sagt er. Was ihn, wie die meisten seiner Kollegen umtreibt: Wie läuft es mit staatlichen Hilfen? Wer, wann, wieviel und vor allem: Was davon muss später eventuell zurückbezahlt werden. Yurtseven hofft nun, „dass nicht nur die zum Zuge kommen, die Schulden angehäuft haben, sondern auch die, die jahrelang sauber gewirtschaftet haben“.

Was an Hilfen zu erwarten ist, weiß derweil auch Alberto Gabos nicht. Der Wirt im Gasthaus zum Fass verkauft 30 bis 40 Essen am Tag. Das meiste davon ist Pizza. Auf Wunsch setzen sich er und seine Tochter auch hinters Steuer und liefern frei Haus. „Ab einer Rechnung von 30 Euro, darunter lohnt es nicht“, sagt der Italiener aus Südtirol. Dafür fährt er, wenn‘s sein muss, auch bis nach Nürtingen. Nicht, weil es sich rechnet, sondern weil ihn das stolz macht.„Dass treue Gäste nur uns und niemand anderen wollen, das freut mich.“

Mit einem ganz anderen Problem hat Onut Mussa zu kämpfen. Seit der Zwangsschließung ist der Pizzabob aus Richtung Innenstadt vom Verkehr abgeschnitten, die Schöllkopfstraße wegen Tiefbauarbeiten gesperrt. Erst seit gestern rollt der Verkehr wieder. Obwohl Take-away-Pizza gut läuft, ist sein Umsatz um 86 Prozent geschrumpft, wie er sagt. Von seinen 35 Mitarbeitern arbeiten noch fünf. Der Rest ist vorläufig freigestellt oder in Kurzarbeit. Er sagt. „Wie lange wir das durchhalten, weiß ich nicht.“ Bernd Köble