Kirchheim

„Ich war schon immer politisch engagiert“

Flüchtlinge Seit Juli schult und berät Andreas Linder die AWO- Sozialarbeiter in asylpolitischen Fragen

Andreas Linder ist bei der AWO für Rechtsfragen rund ums Asylrecht zuständig.Foto: Peter Dietrich
Andreas Linder ist bei der AWO für Rechtsfragen rund ums Asylrecht zuständig.Foto: Peter Dietrich

Kreis Esslingen. Für fast 5 000 Flüchtlinge im Landkreis Esslingen hat die AWO im Auftrag des Landkreises die Betreuung übernommen.

Erst im Herbst 2015 bezog sie erstmals in der Ulmer Straße in Esslingen eigene Büroräume. Die eineinhalb Zimmer wurden ganz schnell zu klein, im Mai 2016 kam der Umzug nach Berkheim. Noch sind die Büros nicht ganz fertig eingerichtet, da sind die frisch aufgebauten Kapazitäten schon wieder in Gefahr. Denn mit der Anschlussunterbringung wechselt die Zuständigkeit vom Kreis zu den Kommunen. Diese müssen nun selbst Betreuungskapazitäten aufbauen. Oder sie könnten das neue Angebot der AWO nutzen, für die Kommunen die Sozialbetreuung von Flüchtlingen in der Anschlussunterbringung und die Koordination der Ehrenamtlichen zu übernehmen. Julie Hoffmann, Leiterin des Sozialdienstes und seit 26 Jahren bei der AWO, berichtet von ersten Gesprächen mit der Gemeinde Holzmaden. „Wir kennen die Struktur im Landkreis“, sagt Hoffmann. „Wir sind flexibel und gehen auf die Bedürfnisse der Kommunen ein.“

Im Januar kam Dr. Carsten Krinn als Geschäftsführer, er war zuvor in der Erwachsenenbildung tätig. Im Juli kam der Politik- und Kulturwissenschaftler Andreas Linder als Referent hinzu. Er stieß vor 25 Jahren ehrenamtlich in Tübingen zur Flüchtlingsarbeit. „Ich war schon immer politisch engagiert.“ Die vergangenen sechs Jahre hat er beim Flüchtlingsrat Baden-Württemberg gearbeitet.

Jetzt ist er bei der AWO das Zwischenglied zwischen den Sozialarbeitern und Fachanwälten. Er bildet die Sozialarbeiter fort, etwa zu den Veränderungen am Integrationsgesetz und zur Vorbereitung auf Anhörungen. Er bereitet Informationen zu neuen Gesetzen auf, informiert über Ausbildungsduldung und Gerichtsurteile und unterstützt die Sozialarbeiter bei konkreten Einzelfällen. Er weiß um die Ermessensspielräume, die es oft gibt. „Auch ein Flüchtling, dessen Antrag abgelehnt wurde, hat Rechte.“ In Kürze startet Linder ein Bildungsprogramm, das auch Ehrenamtlichen außerhalb der AWO und staatlichen Mitarbeitern offensteht.

Nach dem rasanten Wachstum hatte die AWO nun wieder Ruhe, einen Jahresbericht zu verfassen. Auf 40 Seiten kommen nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Flüchtlinge zu Wort. Auch ein Mann, dessen Zwischenstation ein AWO-Jugendheim war, der nach dem Abi-tur allein geflohen war – aus der DDR, im Jahr 1955. Heute lebt Lothar Sehl in Esslingen.

Freut sich die AWO über ihr rasantes Wachstum? Lieber würde Hoffmann die eigene Geschäftsgrundlage zerstören: „Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen.“ Sie hofft, dass Flüchtlinge, die in Deutschland eine Ausbildung erhalten, zum Aufbau ihrer Heimat beitragen können. Sorge macht ihr die zunehmende Spaltung der Flüchtlinge. „Es gibt die mit Bleiberecht und Integrationskursen und die ohne Chance. Die Menschen erleben sich als Flüchtlinge erster und zweiter Klasse.“Peter Dietrich

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