Kirchheim

„Ich will mein Frankreich nicht verlieren“

Umfrage Der Teckbote hat drei ausgewiesene Kirchheimer Frankreichliebhaber gefragt, wie sie das Ergebnis nach dem ersten Wahlgang im Nachbarland aufgenommen haben. Von Peter Dietrich

Jean-Paul Meyer stammt aus dem Elsass und liest in Ötlingen im Teckboten die Berichterstattung über die Wahl in Frankreich.Foto:
Jean-Paul Meyer stammt aus dem Elsass und liest in Ötlingen im Teckboten die Berichterstattung über die Wahl in Frankreich.Foto: Peter Dietrich

Erleichterung und Erschütterung ist die Kombination, die Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker nennt. Erleichterung darüber, dass Marine Le Pen nicht vorne, sondern auf dem zweiten Platz liegt. Erschütterung darüber, dass sie in dem Land, in dem die Demokratie geboren wurde, so viele Stimmen bekam.

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Besonders schaut Matt-Heidecker in die bürgerlich geprägte Partnerstadt Rambouillet, in der viele Beamte leben. Vor Weihnachten hat sie dort eine gewisse Verzweiflung erlebt: „Wir wollen François Fillon nicht, aber wir haben keinen anderen Kandidaten.“ Vor drei Wochen beim Schülerempfang erzählten ihr die erwachsenen Franzosen von ihrer großen Angst vor dem Rechtsruck. Nun weicht die Partnerstadt erheblich vom Landesdurchschnitt ab, mit rund 28 Prozent liegt Fillon dort knapp vor Emmanuel Macron. Marine Le Pen kam auf nur rund 13 Prozent: Das ist für Matt-Heidecker erfreulich, aber noch immer zu viel.

Die Abkehr von der politischen Kaste, sagt Matt-Heidecker, sei im ländlichen Frankreich klar zu spüren, vor allem im Süden, der Hochburg Le Pens. „Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Menschen haben das Gefühl, nicht gehört zu werden.“ In dieser Situation müsse sich Frankreich anstrengen. Die Bretagne hingegen stehe hinter Macron. „Die sind mit dem Schwäbischen zu vergleichen, dort muss ebenfalls aufgeräumt sein.“

Angst um Frankreich

Den zweiten Wahlgang erwartet die Oberbürgermeisterin mit Spannung. „An Trump hat auch keiner geglaubt. Ich bin eine bekennende Europäerin, ich will mein Frankreich nicht verlieren.“ Wie die Stimmung im Land ist, wird sie schon knapp drei Wochen später erfahren, wenn sie an Himmelfahrt in Rambouillet 50 Jahre Partnerschaft feiert.

„Macron wird gewinnen“, ist sich Jean-Paul Meyer sicher, „aber nicht so hoch wie in den Umfragen.“ Nicht jeder wolle einen Banker, und es sei für Macron ein Nachteil, dass er ein Anhänger von Präsident Hollande war. „Er hat gute Ideen. Aber kein Kandidat hat gesagt, wie er seine Ideen finanzieren will.“ Jean-Paul Meyer kam aus dem Elsass nach Kirchheim, blieb aber ein überzeugter Franzose. Etwa eine halbe Stunde lang hat er gewartet, um in Stuttgart wählen zu können. Besonders weh tun ihm die vielen Stimmen für Le Pen im Elsass. „Für dieses ist Europa nur ein Vorteil. Man kann sich das gallische Dorf nicht mehr leisten.“ Über alles, was in den letzten 30 Jahren in Europa Positives passiert sei, werde zu wenig gesprochen.

Hat Fillon seine Familie begünstigt? Jean-Paul Meyer ist vorsichtig. „Noch ist nichts bewiesen. In der Politik wird mit viel Dreck geworfen. Wenn dann nichts dran war, kommt nur ein ganz kleiner Artikel.“ Ungerechtigkeiten sieht er in Frankreich genauso wie in Deutschland: „Dass einer ganztags arbeitet und von seinem Geld nicht leben kann, kann nicht sein.“

Unzufriedenheit mit Politikern

Karl-Heinz Rieforth, Urgestein der Partnerschaft mit Rambouillet, staunt über die Umfrage im Teckboten vom 16. April: „Sie hat es ziemlich genau getroffen.“ Er staunt auch, wie viele Stimmen Macron angezogen hat. „Das zeigt die große Unzufriedenheit mit den Präsidenten Sarkozy und Hollande.“ Auch er verweist auf das gut situierte Rambouillet: „Dreiviertel des Gemeinderats sind liberal-konservativ.“ Wer hat Le Pen gewählt? „Die Landbevölkerung, Arbeitslose, sozial Benachteiligte und Leute, die dem glorreichen Frankreich nachtrauern.“ Angesichts des deutschen Exportüberschusses spricht sich Karl-Heinz Rieforth für einen „fairen Wettkampf“ aus. „Schon Bundeskanzler Schmidt hat betont, wie wichtig das Gleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich ist.“

Beim zweiten Wahlgang erwartet er etwa ein 60:40 zugunsten Macrons. Die Gefahr für Macron sei eine niedrige Wahlbeteiligung, wenn nur die Anhänger Le Pens zur Wahl gingen. Das größere Problem sei aber die anschließende Parlamentswahl. Denn für die Gesetzgebung brauche Macron auch im Parlament eine Mehrheit - und müsse nun schnell eine Partei gründen.