Kirchheim

„Ihre“ Bahn ist immer am Beckenrand

Freibad Die blinde Kirchheimerin Heidi Wiedemann kann im Freibad ihrem großen Hobby nachgehen: dem Schwimmen. Möglich machen dies die Freibadleitung und die Bademeister. Von Hannah Henrici

Die Wasserratte Heidi Wiedemann ist ganz in ihrem Element.Foto: Markus Brändli
Die Wasserratte Heidi Wiedemann ist ganz in ihrem Element. Foto: Markus Brändli

Um halb neun morgens ist es angenehm kühl im Kirchheimer Freibad. Die Rasenflächen sind noch mit Tau bedeckt. Außer Vogelgezwitscher, Wellenplätschern und dem brummenden Rasenmäher herrscht Stille. Noch sind kaum Badegäste da. Auf den Liegewiesen liegen wenige Handtücher und Badetaschen. Im Schwimmbecken sind nur fünf, sechs Schwimmbegeisterte anzutreffen.

Eine von ihnen ist eine ältere Dame in einem lila Badeanzug, die zielstrebig ihre Bahn auf- und abschwimmt. Sie heißt Heiderose Wiedemann und ist blind. Das hält sie allerdings nicht davon ab, so oft wie möglich zum Schwimmen hierherzukommen. Bereits seit ihrer Kindheit ist die 66-Jährige eine leidenschaftliche Schwimmerin. Ins Kirchheimer Freibad geht sie seit drei Jahren regelmäßig. Bis vor einigen Monaten war das immer sehr aufwendig für sie. „Meine Freundin musste immer aufpassen und mich warnen, dass jemand am Beckenrand sitzt oder vom Rand ins Becken springt“, erzählt sie. Jetzt empfindet sie ihre morgendlichen Schwimmrunden als „deutlich angenehmer“.

Dass sie einmal den Luxus einer eigenen Bahn genießen darf, hätte sie sich noch vor ein paar Wochen nicht träumen lassen. Auf der Webseite der Stadt Kirchheim verfolgte sie mithilfe eines Sprachprogramms gespannt, welche Maßnahmen wegen Corona aktuell gelten und welche Einschränkungen sich daraus für einen Freibadbesuch ergeben. „Ich dachte zuerst, ich kann diesen Sommer überhaupt nicht zum Schwimmen herkommen“, erinnert sie sich. Wie soll ein blinder Mensch die vorgeschriebenen Abstandsregeln einhalten? Sie war sicher, dass eine Sonderregelung für alle Beteiligten zu kompliziert wäre.

Aus Interesse fragte sie trotzdem beim Freibad nach. Die Betriebsleitung zeigte sich offen: Gemeinsam mit den Bademeistern entschied sie, dass Heiderose Wiedemann eine eigene Bahn für sich alleine reserviert bekommt. „Ihre“ Bahn ist immer eine Außenbahn, denn den Beckenrand braucht sie zur Orientierung.

Heiderose Wiedemann freut sich sehr, dass ihr die Verantwortlichen so entgegenkommen.Bei der Online-Buchung der Eintrittskarten ist die Schwimmerin auf Hilfe angewiesen. „Die Sprachausgabe auf meinem Handy versagt dabei leider“, meint sie. Daher bucht eine Mitarbeiterin des Freibads die Karten für sie.

Wie oft Heiderose Wiedemann ihre Bahnen zieht, hängt in erster Linie davon ab, ob das Wetter mitspielt. Heute hat ihre Freundin Elisabeth Kappler sie begleitet und schwimmt ebenfalls ein paar Runden. Über die Bademeister freut sich die blinde Besucherin sehr: „Ich finde es gut, dass sie ständig aufpassen.“ Sie hat den Eindruck, dass die anderen Badegäste zumindest im Wasser ein bisschen mehr Rücksicht aufeinander nehmen als an Land.

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