Kirchheim

Im Stillen geht die Arbeit weiter

Der große Medientrubel um neue Flüchtlinge ist vorbei: Was tun die Arbeitskreise Asyl jetzt?

Als im Dezember 100 Flüchtlinge in Dettingen ankamen, war die Aufregung groß. Inzwischen ist das Chaos vorbei, doch der Alltag hält die Helfer auf Trab.

Die Ruhe täuscht: Im Dettinger AK Asyl herrscht nach wie vor Hochbetrieb. Auch in die Zelthallen im Gewerbegebiet ziehen immer w
Die Ruhe täuscht: Im Dettinger AK Asyl herrscht nach wie vor Hochbetrieb. Auch in die Zelthallen im Gewerbegebiet ziehen immer wieder Flüchtlinge ein. Foto: Carsten Riedl

Dettingen. Mit einem Bett und einem Dach über dem Kopf ist es lange nicht getan. Obwohl schon das eine Herausforderung für die meisten Kommunen ist. Als im Dezember 100 Asylbewerber vor den Türen der neuen Dettinger Zeltstadt standen, war das Chaos groß. Mammutaufgaben wie diese kann ein Ort in der Größenordnung Dettingens kaum alleine schultern. In den meisten Gemeinden ist die Arbeit der Ehrenamtlichen nicht wegzudenken. So auch in Dettingen. Dort waren im Nu 70 fleißige Helfer zur Stelle. Der erste Stress ist jetzt vorbei – die Arbeit geht weiter. Nächste Mission: den ganz normalen Wahnsinn meistern.

Selbst heute sei die Zahl der Helfer „nie ausreichend“, sagt Hermann Pölkow, der sich im Dettinger AK Asyl um die Belange des Alltags kümmert. „100 sind immer besser als 70.“ Auch wenn sich die Helfer ein stabiles Netz aufgebaut haben: Die Angebote wollen gepflegt werden. Im Internet-Café muss aus Rechtsgründen ständig ein Aufpasser vor Ort sein, der Bedarf an Sprachkursen bricht auch nach Monaten nicht ab, und immer wieder ziehen Flüchtlinge um – wenn sie nach langer Suche endlich eine Wohnung gefunden haben. In solchen Situationen müssen die Ehrenamtlichen spontan einspringen. Familienzusammenführungen sind im ersten Moment zwar stressig, bieten auf lange Sicht aber vor allem eines: Entlastung. Wer Verwandte in der Nähe hat, ist im neuen Zuhause schneller daheim. Ein lohnender Einsatz.

So ruhig die Lage in Dettingen nach außen also auch scheint: Die Flüchtlingsarbeit im Ort ist in ständiger Bewegegung. Immer. Hermann Pölkow kann davon ein Lied singen. Manche Probleme sind Dauerbrenner: Die Bürokratie zum Beispiel macht den Flüchtlingen immer wieder das Leben schwer. Schwer vorstellbar, wie sich Fremdsprachler ohne Hilfe durch den Behördendschungel kämpfen sollen: „Sobald die Unterkünfte erstmal organisiert sind, läuft die Bürokratie bei Flüchtlingen eigentlich genau wie bei deutschen Familien. Wenn du die Sprache nicht kennst, hauen dich die ganzen Formulare schier um“, erzählt Pölkow. Für die Ehrenamtlichen ist es ein ewiger Kreislauf. Aussicht auf weniger Arbeit gibt es kaum.

Das liegt auch daran, dass in den Unterkünften ständig Rotation herrscht. Es kommen auch jetzt noch monatlich neue Menschen in Dettingen an. Nur müssen für sie keine neuen Unterkünfte geschaffen werden, weil andere Flüchtlinge dafür Wohnungen finden, in andere Gemeinden ziehen oder ausgewiesen werden.

Laut Pölkow funktionieren viele Behördenvorgänge jetzt viel schneller als noch vor zwei Jahren, als die ersten Asylbewerber in der Gemeinde an der Teck ankamen. Nicht nur die Ehrenamtlich lernen täglich dazu – das sieht er bei seiner Arbeit mit Flüchtlingen und Behörden deutlich. Viele Flüchtlinge bekommen ihr Bleiberecht jetzt schon nach Monaten – anders, als eine Gruppe Eritreer. Sie warten zum Teil seit fast zwei Jahren auf ihre Papiere, obwohl Eritreer eigentlich in jedem Fall bleiben dürfen.

Für Pölkow ist die ständige Belastung kein Problem. So schwer die Last auf den Schultern der Ehrenamtlichen auch sein mag: Solange sich so viele Dettinger um das Wohl der Flüchtlinge kümmern, ist sie für den einzelnen nicht zu viel. „Diese Aufgabe sollte für keinen vom AK Asyl zum Stress werden“, sagt Pölkow. „Wenn einer mal nicht kann, kann er halt nicht.“ So wie es im Moment läuft, funktioniert die Truppe gut. Auch Pfarrer Daniel Trostel sieht seinen AK Asyl grundsätzlich gut aufgestellt. Die Zahl der Helfer bleibt konstant. Rund 40 Dettinger zählen zum „harten Kern“ im Arbeitskreis, der ständig in Aktion ist.

Seit Januar steht der Gruppe zudem professionelle Hilfe vom Rathaus zur Seite. Ein paar Wochen nachdem die Zeltstadt in Betrieb genommen wurde, hatte die Gemeinde eine Mitarbeiterin der Bruderhausdiakonie auf eigene Kosten eingestellt. Seitdem managt Inga Walter den AK Asyl. „Schnittstellenarbeit“, wie sie es nennt. Dass die Gemeinde ohne die Ehrenamtlichen ihrem Anspruch längst nicht gerecht werden könnte, ist ihr bewusst. Wenn eine Hauptamtliche auf 100 Flüchtlinge kommt, könne man die klassische Sozialbetreuung vergessen. „Ohne Ehrenamtliche funktioniert fast nichts“, sagt sie. Mit den Kapazitäten in Dettingen will Walter in Zukunft Deutsch-Lerngruppen und einen regelmäßigen Treffpunkt im Buchcafé organisieren.

Die Angebote werden von den Flüchtlingen gut angenommen. „Bei einigen beobachte ich, dass sie sich inzwischen weniger oft blicken lassen“, sagt Christine Wolfinger, die im AK Asyl Freizeitangebote organisiert. Ein gutes Zeichen: Dann kennen sie sich so gut aus, dass sie keine Hilfe mehr brauchen.

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