Kirchheim

Im trüben Wasser lauert die Gefahr

Badeseen Die Corona-Krise hat zwei Tendenzen verstärkt: Schwimmkurse sind ausgefallen, mehr Menschen drängen zu den Seen. Bastian Sturm von der DLRG beobachtet auch eine zunehmende Sorglosigkeit. Von Thomas Zapp

Bastian Sturm, hier am Kirchheimer Bürgersee, ist der Vorsitzende des DLRG-Bezirks Esslingen.Foto: Carsten Riedl
Bastian Sturm, hier am Kirchheimer Bürgersee, ist der Vorsitzende des DLRG-Bezirks Esslingen.Foto: Carsten Riedl

Das Drama ereignete sich am letzten Sonntag im Juni dieses Jahres: Niemand hatte bemerkt, wie der fünfjährige Junge unter Wasser glitt. Kurz zuvor hatte er noch mit seiner Familie im brusttiefen Wasser des Aileswasensees in Neckar­tailfingen gestanden und dann das Gleichgewicht verloren. Nachdem ein Badegast den leblosen Körper am Bein verspürte, zog er den Jungen sofort an Land, alarmierte die vor Ort stationierten Helfer der DLRG und begann mit weiteren Badegäs­ten das Kind zu reanimieren. Kurz darauf trafen Rettungskräfte ein, die die Reanimation und die medizinische Versorgung übernahmen und den Jungen dann in lebensbedrohlichem Zustand mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik brachten.

Über das weitere Schicksal des Jungen hat Bastian Sturm, Vorsitzender des Bezirks Esslingen der DLRG, keine weiteren Informationen. Er weiß aber, dass die Kombination aus dem Ansturm auf öffentliche Badegewässer nach der Corona-bedingten Sperrung und der seit Jahren zunehmenden Zahl von Nichtschwimmern zu einer gefährlichen Mischung werden kann. Auch hier hat Corona eine Tendenz verstärkt: Seit März sind sämtliche Kurse für Schwimmanfänger abgesagt worden. Wann sie wieder aufgenommen werden, kann auch Bastian Sturm nicht sagen. Die Wartelisten sind lang und werden wohl auf absehbare Zeit nicht kürzer.

Zwar ist auf dem Papier die Zahl der Badeunglücke in Baden-Württemberg im Vergleich zu 2019 nur leicht gestiegen. Allerdings muss man auch die Schließungen berücksichtigen: Trotz der Corona-Pause mit gesperrten Gewässern sind in diesem Jahr bereits 23 Menschen gestorben, das sind zwei mehr als im Vorjahreszeitraum. Sieben davon sind in Seen ertrunken. Das belegen die Zahlen der Deutschen Lebens-RettungsGesellschaft, die jetzt in Stutt- gart bekannt gegeben worden sind.

Eine immer wieder überraschende Konstante der DLRG-Statistik ist, dass sich die meisten Unfälle nicht an der Küste, sondern im Binnenland ereignen, insbesondere an ungesicherten Badestellen. Bundesweit kamen dort im ersten Halbjahr 2020 mindestens 178 Personen ums Leben, davon 75 in Seen und Teichen. „Ein simples Badeverbotsschild reicht eben nicht aus, um Menschen vor dem Sprung ins unbewachte und vor allem unbekannte Gewässer abzuhalten“, stellte DLRG-Pressesprecher Achim Wiese fest. Die Zahlen geben ihm recht: In Schwimmbädern sind mit vier Badegästen vergleichsweise wenige im Wasser ums Leben gekommen.

Was Badeseen so gefährlich macht, ist zum einen das trübe Wasser. „Sie haben null Sicht, trotzdem springen manche Leute einfach rein“, erzählt Bastian Sturm aus seiner langjährigen Praxis. Dabei helfe es oftmals auch nicht, wenn man die Gewässer vermeintlich kennt. „Die Seen verändern sich, Steine können sich verschieben“, sagt er. Er hat schon erlebt, wie sich Kinder animieren, von Brücken in das trübe Wasser zu springen.

Zudem hat er in den vergangenen Jahren eine zunehmende Sorglosigkeit der Eltern beobachtet, gerade wenn es einen Stand mit Rettungsschwimmern gebe. „Viele blenden die Gefahren für ihre Kinder aus und lassen sich durch ihr Handy ablenken“, erzählt der erfahrene Rettungsschwimmer, der seit 20 Jahren aktives Mitglieder der DLRG ist. Und noch etwas liegt Familienvater Bas­tian Sturm am Herzen: „Viele glauben, wenn ihr Kind das ,Seepferdchen‘ hat, kann es schwimmen. Dem ist nicht so, es kann sich nur eine Zeit über Wasser halten. Richtig schwimmen kann es mit dem Gold-Abzeichen“, betont er.

 

INFO: Hier lauern die Gefahren, so kann man sich schützen

Die meisten Todesfälle ereigneten sich an ungesicherten Bade­stellen. Aufgrund ihrer stark abfallenden Ufer und der großen Tiefe gelten vor allem Bagger­seen als risikoreich. Die Temperaturen im See können um bis zu 15 Grad schwanken. Richtung Mitte und in unteren Schichten ist es deutlich kühler als in Ufernähe. Bei Unterkühlung kann der Kreis­lauf versagen.

Tipp: Am besten langsam in das kaltes Wasser gehen, um den Körper an die Temperatur zu gewöhnen. Der Magen sollte weder voll noch leer sein - sonst fehlt dem Körper die nötige Energie. Das Wasser sollte man schnellstmöglich verlassen, sobald man zu frieren beginnt.

Wer lange schwimmt und sich über­anstrengt, riskiert schmerzhafte Muskelkrämpfe. Auch unterkühlte Muskeln können sich plötzlich im Wasser zusammenziehen.

Tipp: Ruhe bewahren und versuchen, ans Ufer zu gelangen. Falls das nicht klappt: Den betroffenen Muskel dehnen - das geht auch im Wasser. Bei einem Wadenkrampf etwa greift man aus der Rückenlage mit einer Hand die Fußspitze des betroffenen Beins und zieht sie zum Körper.

Keinesfalls baden gehen sollten stark über­hitzte Personen. Ein roter Kopf, Unruhe, Kopf­schmerzen sind Anzeichen eines Sonnen­stichs. Bedrohlicher ist ein Hitz­schlag, dabei heizt sich der ganze Körper stark auf.

Tipp: Betroffene aus der Sonne holen, Kopf und Körper kühlen. 

Allgemein gilt: Wer einen Notfall beobachtet, sollte sofort die Notfallnummer 112 anrufen. Wer selbst helfen will, sollte sein Können nicht überschätzen und sich von hinten an die Person nähern oder einen Gegenstand reichen, um die Gefahr des Untergetauchtwerdens zu verringern.zap

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