Kirchheim

Immobilienmarkt trotzt Corona-Krise

Wirtschaft Die Immobilienexperten aus der Region sehen nach einer kurzen Phase der Unsicherheit noch keine Effekte der Pandemie auf dem Markt. Die Preise stagnieren zum Teil, sinken aber nicht. Von Thomas Zapp

In Kirchheim herrscht trotz Neubauten ein Mangel an bezahlbaren Mietwohnungen. Foto: Carsten Riedl
In Kirchheim herrscht trotz Neubauten ein Mangel an bezahlbaren Mietwohnungen. Foto: Carsten Riedl

Ein Immobilienportal vermeldet es, einige Zeitungen auch: Die Corona-Krise soll das Ende des Immobilienbooms in Deutschland einläuten, was sich in sinkenden Preisen und Mieten äußern könnte. Doch erstens ist in den Berichten noch viel „könnte“ und „möglicherweise“ zu lesen, und zweitens werden die großen regionalen Unterschiede auch während und nach Corona bestehen bleiben - sofern es ein „nach“ in naher Zukunft gibt.

Fast fünf Monate nach den ersten bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg stellen hiesige Immobilienexperten noch keine gravierenden Folgen auf dem Miet- und Kaufmarkt fest. „Aktuell gehen wir davon aus, dass sich die Nachfrage in unserer Region nicht stark verändert. Vermietungen im gehobenen Preissegment werden zumindest vorübergehend stagnieren, während in den mittleren und unteren die Nachfrage ansteigen wird“, sagt etwa Bernd Weiler, Geschäftsführer der Kreisbaugenossenschaft Kirchheim-Plochingen. Als Beispiel nennt er 27 neue Mietwohnungen der Kreisbau, zu denen sich innerhalb von zwei Tagen 200 Interessenten gemeldet hatten. „In der Mitte und den unteren Bereichen kann es durchaus zu Mietsteigerungen führen“, glaubt er und fügt hinzu: „Aktuell ist die Situation am Wohnungsmarkt in Kirchheim und Umgebung noch bei weitem nicht ausgeglichen.“

Sebastian Schulz, Immobilienberater bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen, sieht ebenfalls keine spürbare Entspannung im Mietmarkt. Der Bedarf nach Wohnraum sei nach wie vor gegeben. „Tagesaktuell sehe ich für Kirchheim 20 bis 25 Mietwohnungen auf den Online-Portalen und 25 bis 30 für Nürtingen. Das ist nicht viel“, meint Schulz. Die anfängliche Verunsicherung wegen der Corona-Maßnahmen habe nur kurzfristig Vermietungen oder Verkäufe gehemmt. Das normalisiere sich wieder, ist jedoch von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abhängig. Dennoch herrscht beim Angebot generell Knappheit, meint er. „Wir haben viele Objekte, die sofort verkauft würden, wenn der Besitzer es wollte und seine Folge-Immobilie fände.“ Das hat nicht nur mit Corona zu tun, denn der Wert stieg letztlich auch, wenn nichts unternommen wird. Die Wertentwicklung der vergangenen Jahre gibt den Eigentümern hierbei recht“, sagt Sebastian Schulz. Mittelfris­tig sagt er entgegen hoher Preissteigerungen der letzten Jahre allerdings eher eine Preis-Stagnation auf dem Markt voraus. Auf der Nachfrageseite sieht er noch keine Verschiebung, weil auch Kurzarbeit viel aufgefangen habe.

Zinsen begünstigen Kauf

Markus Deutscher, Bereichsleiter für Immobilien bei der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, erinnert sich, dass private Vermieter Mitte März Besichtigungen zunächst abgesagt hatten oder Mieter dies nicht wollten. „Das hatte sich aber schnell erholt“, sagt er. Nun finden die Begehungen wie gewohnt statt, wenn auch mit Mund-Nasen-Schutz und gebührendem Abstand. „Der Mieter ist ohnehin verpflichtet, Besichtigungen zu ermöglichen“, sagt er. Nach wie vor sei die Nachfrage hoch. „Der Bedarf ist unverändert stark und kann nicht befriedigt werden“, betont er. Das hat auch Corona mitsamt der wirtschaftlichen Folgen noch nicht verändert. Allerdings sei es sowieso zu früh, um Folgen zu spüren. „Die Wirtschaftskrise mit steigenden Arbeitslosenzahlen schlägt wenn, dann erst in sechs bis neun Monaten auf den Immobilienmarkt durch“, glaubt Markus Deutscher. „Ich sehe es aber nicht“, fügt er hinzu. Vor allem für Anleger gebe es kaum Alternativen zum Immobilienerwerb, da die Zinsen niedrig bleiben.

Mieterbund sowie Haus und Grund sehen Jobverlust und Kurzarbeit als Problem

Udo Casper vom Deutschen Mieterbund Esslin­gen-Göppingen glaubt, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise erst später spürbar werden. „Es gibt die These, dass der Preisdruck in den Städten abgebaut wird, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden“, sagt er. Allerdings sei das nur ein scheinbar positiver Effekt: „Wahrscheinlich verlieren die Menschen mehr, als sie durch Mietsenkungen gewinnen.“ Anfragen zu Mietstundungen wegen Jobverlust oder Kurzarbeit seien bei ihnen noch nicht verstärkt eingegangen, sagt er. „Das komme wenn, erst später. „Die Privatleute heißen ja nicht Adidas und kürzen sofort, sondern zahlen erstmal aus ihrem Ersparten“, spielt er auf den Fall einiger Filialen des Sportartikelherstellers an.

Bei „Haus und Grund“, dem Haus-, Wohnungs-und Grundeigentümerverein Kirchheim, reagiert der Vorsitzende Gregor Küs­termann auf die Frage nach Auswirkungen der Corona-Krise spontan: „Überhaupt nicht“. Da sein Verein jährlich einen Mietspiegel erstellt, weiß er, dass Preise und Nachfrage stabil bleiben. „Wir mussten Wohnungen nach ein bis zwei Tagen wieder herausnehmen, weil so viele Anfragen kamen“, sagt er. Allerdings trete wegen Kurzarbeit häufiger das Problem auf, dass Finanzierungen geplatzt seien. Die Banken hätten nur zum „normalen“ Gehalt finanziert, nicht aber beim Kurzarbeitergeld. Sorge vor der Zukunft hat Gregor Küstermann nicht. „Ich bin überzeugt, dass wir in einer starken Region leben.“ Speziell Kirchheim profitiere von der guten Verkehrsanbindung. Und selbst wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtere, werden sich die Preise auf dem Immobilienmarkt nicht entscheidend verändern. „Wir haben einen riesigen Nachfrage-Überhang.“ zap

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