Kirchheim

In der Mäusegruppe zählt der Zusammenhalt

Inklusion Die 19-jährige Silke Harter arbeitet im Bundesfreiwilligendienst bei der Lebenshilfe Kirchheim und hat die komplette Corona-Krise miterlebt. Von Julia Nemetschek-Renz

Es gibt Waffeln zum Frühstück: Bufdi Silke Harter bei ihrer Arbeit im inklusiven Carl-Weber-Kindergarten.Foto: J. Nemetschek-Ren
Es gibt Waffeln zum Frühstück: Bufdi Silke Harter bei ihrer Arbeit im inklusiven Carl-Weber-Kindergarten. Foto: J. Nemetschek-Renz

Olivia isst liebend gern nur den Puderzucker oben auf der Waffel. Geschickt dreht sie jedes frische Gebäck um und leckt genüsslich den Zucker ab. Silke Harter, derzeit im Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) im inklusiven Carl-Weber-Kindergarten in Kirchheim, sitzt neben ihr und hat eine andere Vorstellung vom Waffelessen - die 19-Jährige löffelt ihr deshalb ein bisschen Apfelmus mit auf die Waffel. Olivia wird unruhig, will aufstehen. Vorsichtig legt Silke Harter daraufhin ihre Hand um den Hinterkopf des Mädchens. Olivia beruhigt sich. Sie lehnt sich an und atmet wieder ruhiger.

Seit September macht Silke Harter ihren Bundesfreiwilligendienst in der Kindertagesstätte der Lebenshilfe. Insgesamt drei Gruppen gibt es im Kindergarten, zwei gemischte für 15 Kinder mit und ohne Behinderung sowie eine Kleingruppe mit fünf Kindern mit Behinderung. In die „Mäuse­gruppe“ geht auch Olivia.

Sonderstatus im Supermarkt

Neben Silke Harter arbeiten noch eine Heilpädagogin, eine Auszubildende und eine weitere Bufdi in der Mäusegruppe. „Die Entwicklung zu sehen, die unsere Kinder hier in ein paar Monaten machen, das ist so wunderschön“, erzählt Silke Harter. Wenn sich ein Kind irgendwann allein die Schuhe anziehen könne, dann sei dies ein großes Highlight. Für alle Mäuse­kinder ist die Kleingruppe aufgrund der festen Abläufe und der engen Betreuung wichtig, schildert die 19-Jährige. Olivia sei inzwischen angekommen, ließe sich trösten, schreie nicht mehr so lang.

Doch bei einer Geschichte gerät Silke Harter immer wieder ins Stocken: „Diesen einen Freitag Mitte März werde ich nie vergessen, das war schrecklich.“ Mittags sei beschlossen worden, dass die Kinder am darauf folgenden Montag aufgrund der Corona-Krise vorerst das letzte Mal kommen dürfen. „Wir hatten Angst, dass vielleicht alles, was die Kinder zwischenzeitlich gelernt hatten, weg sein würde, wenn sie irgendwann wieder kommen dürfen.“ Der Kindergarten wurde bis Ende April geschlossen und Silke Harter ins „Quartier 107°“ versetzt - eine Wohngruppe für Menschen mit Behinderung. „Das hatte ich niemals alles so erwartet. Eigentlich dachte ich, ich mache nach dem stressigen Abi etwas Sinnvolles mit Kindern und schaue dann weiter.“

Insgesamt drei Monate half Silke Harter im Quartier und erlebte dabei die Zeit der kompletten Isolation. Auch Besuch und Ausgang sind währenddessen verboten. „Den Bewohnern eine Stütze sein, obwohl man eigentlich selbst gerade eine bräuchte, das war sehr schwierig“, sagt sie. Und plötzlich wurde auch noch das Einkaufen zu ihrem Job - ausgerechnet in der Phase der leer geräumten Nudelregale und Klopapier-Hamsterkäufe. Zwei randvolle Einkaufswagen brachten der Bufdi etliche unschöne Begegnungen im Super­markt. „Ich hatte deshalb sogar ein Formular von der Lebenshilfe zum Vorzeigen bekommen, dass ich eine ganze Wohngruppe versorge und deshalb mehr einkaufen muss“, erzählt sie.

Seit Mitte Juni arbeitet Silke Harter nun wieder in der Mäusegruppe des Carl-Weber-Kindergarten. Ab Herbst will sie dann Heilpädagogik studieren und anschließend in den Kindergarten zurückkehren. Ihren Studienplatz in Freiburg hat sie bereits in der Tasche.

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