Kirchheim

In hundert Jahren von der Banalität zum „Riesenschatz“

Im Kirchheimer Stadtarchiv ist die Kultur an einem ganz „besonderen Ort“ untergebracht

Kirchheim. Bei der Reihe „Kultur an besonderen Orten“ des Verkehrsvereins Teck-Neuffen führte Kirchheims Stadtarchivar Dr. Joachim

Andreas Volz

Brüser eine große Schar interessierter Besucher durch „sein Reich“. Er zeigte eindrücklich, dass es im Archiv alles andere als „verstaubt“ zugeht. Auch wenn die Vergangenheit naturgemäß eine große Rolle spielt, werden dem Archiv eine Menge Akten aus der Gegenwart übergeben. Diese gilt es zu sortieren – geradezu „auszumisten“ – und für die Zukunft zu bewahren, denn: „Interessierte Menschen sollen ja auch in 200 Jahren noch kommen und schauen können, was 2016 in Kirchheim passiert ist.“

Das Archiv übernimmt zunächst einmal alles, was die Kollegen in der Stadtverwaltung nicht mehr brauchen. „Wir sammeln aber auch zur Stadtgeschichte“, sagt Joachim Brüser. Dabei handle es sich allerdings nur um schriftliche Überlieferungen. Deswegen stammt auch das älteste Stück im Archiv „nur“ aus dem 10. Jahrhundert. Im Museum dagegen gebe es weitaus ältere, archäologische Exponate zu bewundern.

Die älteste Archivalie in Kirchheim ist ein Fragment aus einer karolingischen Bibel, das in späterer Zeit als Einband verwendet worden war. Ein direkter Bezug zu Kirchheim besteht zwar nicht. Aber so ähnlich verhält es sich auch mit dem wohl wertvollsten Stück, einem Streifen aus einer Gutenberg-Bibel. Das Besondere: Überwiegend hat Gutenberg im 15. Jahrhundert auf Papier gedruckt, nur in seltensten Fällen auf Pergament. In Kirchheim aber gibt es einen Gutenberg‘schen Pergamentstreifen. Auch dieser Streifen ist als einstiges Einbandmaterial erhalten geblieben.

Für das Archiv gibt es kaum etwas, was nicht zum Sammeln geeignet wäre. Als Beispiele nennt der Stadtarchivar Imagebroschüren von Kirchheimer Firmen – oder auch Abi-Zeitungen: „Heute ist das vielleicht banal. Aber in hundert Jahren ist es ein Schatz.“ Das gilt auch für die Feldpost, mit der Kirchheimer Soldaten im Ersten Weltkrieg sich bei ihrer Heimatstadt für „Liebesgaben“ bedankten. Selbst für das Archiv sei das eigentlich eine Banalität, weil die Briefe und Karten immer wieder die gleichen Standardsätze aufweisen. Für Benutzer des Archivs könne es aber einen „Riesenschatz“ bedeuten, sich plötzlich mit einem Schreiben des eigenen Großvaters oder Urgroßvaters konfrontiert zu sehen.

Überhaupt ist die hundert Jahre alte Feldpost ein gutes Beispiel für die Arbeit im Archiv. „Wir haben sehr viel Arbeit“, sagt Joachim Brüser und fügt relativierend hinzu: „Aber nur wenig davon ist eilig.“ So war es auch bei der Feldpost: Erst 2014, hundert Jahre nach Kriegsbeginn, hat eine Archivmitarbeiterin die Schreiben katalogisiert und die Absender alphabetisch erfasst. Das war sicher eine wichtige und verdienstvolle Arbeit. Aber sie war nicht so dringend wie die Restaurierung von Archivalien, die von Schimmel oder von anderen Verfallserscheinungen bedroht sind.

Zum Schutz der Archivalien, die ab 1524 ziemlich lückenlos überliefert sind, herrschen im Erdgeschoss des Archivs, wo die Magazine untergebracht sind, möglichst gleichbleibend 18 Grad Celsius und ungefähr 40 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ganz gefährlich für das Papier sind auch Licht und Sonne. Dennoch kann sich Papier recht lange halten, teils schon seit über 500 Jahren. Bei digitalen Dateien dagegen könne niemand voraussagen, ob sie sich in 200 oder in 500 Jahren noch nutzen lassen.

Was Räumlichkeiten und klimatische Bedingungen im Kirchheimer Stadtarchiv betrifft, zeigte sich Joachim Brüser recht zufrieden, auch wenn nie alles optimal sein könne. Weil grundsätzlich alle Archive wachsen, freut er sich aber, dass kürzlich ein weiterer Raum im Gebäudebestand dem Archiv zugeschlagen werden konnte. Im Stadtarchiv ist die Kirchheimer „Kultur“ sicher am dafür vorgesehenen „Ort“ untergebracht. Dennoch ist es, historisch betrachtet, auch ein „besonderer Ort“. In einem der beiden Magazinräume des Erdgeschosses befand sich vor hundert Jahren noch das Offizierskasino – als der Freihof als Kaserne diente. Beweis: Ein Bild aus der umfangreichen Fotosammlung des Archivs.

Info

Wer sich im Stadtarchiv auf Spurensuche begeben will – nach der Familiengeschichte etwa –, sollte sich rechtzeitig vorher anmelden und dabei den Gegenstand des Forschungsinteresses möglichst genau angeben. Zu erreichen ist das Archiv per E-Mail an die Adresse archiv@kirchheim-teck.de oder telefonisch unter 0 70 21/57 14 00.

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