Kirchheim

Ingeborg Bachmann und die Männer

Susanne Weckerle und Petra Weimer erinnern im Sommerprogramm der Stadtbücherei an die österreichische Schriftstellerin

Petra Weimer (rechts) und Susanne Weckerle brachten den Zuhörern stilvoll und abwechslungsreich das Leben von Ingeborg Bachmann
Petra Weimer (rechts) und Susanne Weckerle brachten den Zuhörern stilvoll und abwechslungsreich das Leben von Ingeborg Bachmann näher.Foto: Tanja Spindler

Kirchheim. „Text und Töne“ ist eine ausgesprochen beliebte Veranstaltungsreihe. Das Sommerprogramm der Kirchheimer Stadtbücherei gibt

Ulrich Staehle

es schon seit 20 Jahren für die Daheimgebliebenen und war regelmäßig ausverkauft. Zu Beginn des ersten Abends in diesem Jahr gab es sozusagen einen Misston: Die Leiterin der Bücherei, Ingrid Gaus, entschuldigte sich dafür, dass für dieses Jahr nur zwei Veranstaltungen angeboten werden. Die dritte sei „der angespannten Etatsituation zum Opfer gefallen“. Große Enttäuschung und Unverständnis beim Publikum. Man hört doch allenthalben, dass die Steuerquellen sprudeln – und jetzt solch schmerzliche Einschnitte im Kulturbereich!

Doch anschließend stand Ingeborg Bachmann im Mittelpunkt. Ihr Andenken wird zwar jedes Jahr durch den von ihrer Heimatstadt Klagenfurt ausgelobten hoch angesehenen „Bachmann-Preis“ wachgehalten, doch der 90. Geburtstag, den die Dichterin in diesem Jahr gefeiert hätte, gab den besonderen Anlass, auf ihre Person und ihr Werk hinzuweisen. Die beiden Schauspielerinnen Petra Weimer und Susanne Weckerle haben die verschiedenen Liebesbeziehungen Bachmanns als roten Faden gewählt. Diese Beziehungen sind vor allem durch Briefe dokumentiert, aus denen sie zitierten.

Hans Weigel, Theaterkritiker und Schriftsteller, war nach dem Krieg Mittelpunkt der Wiener Literaturszene im Café Raimund. Ingeborg Bachmann studierte in Wien Philosophie, Germanistik und Psychologie und machte erste Gehversuche als Dichterin. Er förderte sie, und die Verbindung blieb trotz ihrer späteren Affären ein Leben lang erhalten.

Im Mai 1948 kommt es zu der geradezu schicksalhaften Begegnung mit Paul Celan. Dessen Eltern waren als Juden von den Nazis ermordet worden, er selbst hatte in einem Arbeitslager überlebt. Der biografische Unterschied der beiden hätte größer nicht sein können, doch die gegenseitige Zuneigung war heftig. Im literarischen Dialog mit Paul Celan hat Ingeborg Bachmann zu ihrer Dichtersprache gefunden. Sie beziehen jetzt Gedichte aufeinander oder widmen sie der Geliebten beziehungsweise dem Geliebten. Der Versuch, miteinander in Paris zu leben, scheitert. 1952 kommt es auch literarisch zu einer Entfremdung mit Abbruch des Kontaktes. 1957 treffen sie sich zufällig wieder, und die leidenschaftliche Zuneigung flammt wieder auf. Sie verbringen eine Nacht in einem Hotel, literarisch verarbeitet in Celans Gedicht „Köln. Am Hof“. War vor der Beziehungspause Bachmann die aktivere, so ist sie es jetzt, die bremst, damit Celan nicht seine Frau und sein kleines Kind verlässt. Das Ende ist tragisch: Celan verzweifelt am Leben und sucht den Freitod im Wasser. Bachmann hat ihm im Roman „Malina“ ein Denkmal gesetzt: „Mein Leben ist zu Ende, denn er ist im Fluss ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“

In der Zeit der Celan-Krise lebt Ingeborg Bachmann zusammen mit dem Komponisten Hans Werner Henze, meist auf Ischia. Sie lernt durch ihn „erst Musik verstehen“. Sie schreibt Libretti, zum Beispiel zur Oper „Der Prinz von Homburg“ nach Kleist. Das Verhältnis der beiden scheint entspannt und humorvoll gewesen zu sein, wie spaßige Briefanreden bezeugen wie „Illustre Bachstelze“. Obwohl er homosexuell orientiert ist, macht er ihr halbernste Heiratsanträge.

Eine intensive Beziehung begann 1958 mit Max Frisch. Vier Jahre versuchen die beiden in Zürich und Rom ein gemeinsames Leben – vergeblich. Max Frisch leidet unter Eifersucht und hat im Roman „Mein Name sei Gantenbein“ in der Dame „Lila“ Ingeborg Bachmann als eine Chaotin in jeder Hinsicht beschrieben. Ingeborg Bachmann war tief getroffen und hat ihrerseits in ihrem späten Roman „Malina“ Frisch als patriarchalischen „Herrn Ganz“ karikiert.

Als Fazit dieses bewegten Lebens, das 1973 in Rom durch einen selbst verschuldeten Zimmerbrand endet, zitierten Susanne Weckerle und Petra Weimer aus dem Gedicht „Die Welt ist weit“: „. . . Die Fahrt ist zu Ende, / doch ich bin mit nichts zu Ende gekommen, / jeder Ort hat ein Stück von meinem Lieben genommen . . .“ Ingeborg Bachmann war kein Vampir oder eine Männerfängerin, sondern über ihre Anziehungskraft geradezu ratlos. Sie schaffte es nicht, ihr Dichtertum und ihr Privatleben in Einklang zu bringen.

Susanne Weckerle und Petra Weimer verstanden es, die komplizierte und eher depressiv stimmende Materie auf stilvolle und abwechslungsreiche Weise zu vermitteln. Abwechslung schuf das Wechselspiel der Sprecherinnen, musikalische Einspielungen und szenische Andeutungen: Bachmann griff oft zur Zigarette und zum Rotweinglas. Besonders eindrücklich waren Einspielungen der Originalstimme der Autorin. Der eher zögerliche und zurückhaltende Sprachduktus beim Rezitieren sagt viel über die Persönlichkeit dieser Dichterin aus, die der deutschen Nachkriegsliteratur entscheidende Impulse gegeben hat.

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