Kirchheim
Interview: Energiewende soll eng begleiten werden

Wildtiere Jäger wollen sich beim Ausbau der Erneuerbaren stärker einbringen.

Region. Die Energiewende greift direkt in die Lebensräume der Wildtiere ein. Claus Kissel vom Landesjagdverband Baden-Würt­temberg weiß, was auf Jäger und Wild zukommt.

Wirkt sich der Klimawandel schon jetzt auf die Wildtiere aus?

Claus Kissel: Ja natürlich. Das Wild hat einen Jahreszyklus, bei dem das Nahrungsangebot und die Temperatur eine Rolle spielen. Wir merken sehr genau, dass die Brut- und Setzzeiten früher sind und zum Beispiel die Verfärbung der Decke beim Rehwild, also der Wechsel von Winter- zu Sommerfell, sich nach vorne verschiebt. Das trifft auf die meisten Wildarten zu – teilweise auch mit solchen Auswirkungen, dass das Wildschwein zweimal statt einmal pro Jahr Frischlinge hat und die Reproduktion während einer Zeit erfolgt, wo das früher gar nicht der Fall war.

Welchen Beitrag können die Jäger bei der Mission „Energiewende und Artenschutz“ leisten?

Kissel: Wenn beispielsweise ein Windrad in den Wald kommt, dann begleiten wir das und können aus diesem Windrad, das grünen Strom erzeugt, noch einen Vorteil für unsere Wildtiere rausholen, in dem wir den Lebensraum aufwerten. Wir sagen: Wir holen mehr als grünen Strom aus der Energiewende, wir tun etwas für den Artenschutz.

Was kommt mit der gleichzeitigen Nutzung von Landwirtschaft und Photovoltaik auf Jäger und Wild zu?

Das ist eben das Thema: Wir wissen das noch nicht genau – es ist neu. Das muss als Pilotprojekt eng begleitet werden. Wir müssen schauen: Was passiert da, welche Wildart und wie und wann davon beeinflusst wird? Es ist nicht nur die Frage, ob die Pflanze unter der Anlage wachsen kann oder ob der Bauer dort ackern und ernten kann, sondern auch darum, wie es sich auf unsere Wildtiere auswirkt.

Bereits 2012 waren Klimakrise und Artenschutz Thema des Wildtierforums. Was hat sich getan?

Noch zu wenig. Man hat im Grunde über vieles diskutiert, vielleicht auch zu lange diskutiert und man ist nicht ins Handeln gekommen. Wir haben von diesem schlafenden Riesen gewusst, wir haben über ihn gesprochen und jetzt ist er durch die Ukraine-Krise aufgestanden am 24. Februar. Er zeigt sich in voller Größe, unübersehbar und ist nun in unserem Bewusstsein. Jeder merkt’s am Geldbeutel. Es wird ein Brennglas auf die ganze Sache gerichtet, weil wir eine spürbare Auswirkung haben, die nicht bloß Theorie ist oder in der Zeitung steht. Katharina Daiss

 

Heißt die Lösung „Agri-PV“?

Nicht nur Obst, sondern auch Strom sollen Bauern zukünftig ernten: Mit Agri-Photovoltaik-Anlagen (Agri-PV) sollen Flächen für Photovoltaik erschlossen werden, die bisher landwirtschaftlich genutzt wurden. Bei dem System handelt es sich um Solarzellen, die wie ein Dach über Ackerflächen errichtet werden.

Peter Hauk spricht sich auf dem Wildtierforum dafür aus, bereits versiegelte und bewirtschaftete Flächen zu nutzen. Darum betrachtet er Agri-PV als vielversprechende Option. Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister ist überzeugt, dass das Kombinationssystem Konflikte entschärfen kann.

Die Kombinutzung birgt laut Dr. Ulrich Maurer, Abteilungsleiter für Energiewirtschaft im Umweltministerium des Landes, Vorteile für den landwirtschaftlichen Anbau. Er erklärt, dass die Beschattung der Anlagen förderlich für die unter ihr wachsenden Pflanzen sein kann und Schutz vor Hagel und Frost bietet. kd