Kirchheim

Irgendwie Wildwechsel

Als Autofahrer, auch noch mit einem Diesel, ist man ein Klimaschwein, als Motorradfahrer ein lärmender Ignorant. Was hilft, ist der Umstieg aufs E-Bike, denn als E-Biker gilt man wenigstens als gesellschaftspolitisch korrekt. Vor allem die, die die fälschlicherweise auf dem Fahrradweg beim Teckboten stehenden Fußgänger selbstbewusst wegpingen, um dann in nicht coronagerechtem Abstand von 30 Zentimetern maulend an ihnen vorbeizubrettern. Immerhin sind sie im Recht.

Wer als Fußsteher in solchen Momenten versucht, rechtzeitig großräumig auszuweichen, dann vielleicht dabei über den vor dem Teckboten angebrachten Betonpoller in Richtung Eingang torkelt, um sich dort aber immerhin wieder in Sicherheit zu wähnen - Fehlanzeige. Ping - dort kurbelt die Fraktion der Vorort-Leser auf dem Fußgängerweg und verschafft sich nicht weniger selbstbewusst den notwendigen Platz.

Apropos selbstbewusst: Da wird der Autofahrer, der kurz seine offensichtlich gehbehinderte Mutter an der Kreissparkasse aussteigen lässt und dazu, zugegebenerweise verboten, seine Blechkiste für 20 Sekunden auf dem Fahrradweg anhält, mit einem Lamento zur Straßenverkehrsordnung beballert, das es in sich hat.

Dass der gleiche ach so ordnungsliebende und offensichtlich äußerst gesetzeskundige Radler nach seinem Wortschwall lässig die Schwelle des Fußgängerüberwegs bei Rot überquert, das steht offensichtlich für ihn auf einem anderen Blatt.

Auf einem ganz anderen Blatt steht wahrscheinlich auch, dass die Nutzung des Fahrradwegs in verkehrter Richtung manch überraschendes Momentum in sich birgt. Am Teckboten vorbei Richtung Plochinger Straße, also englisch links unterwegs, bringt so mancher Pedalist die dort einbiegenden Autofahrer in Schwulitäten. Der orientiert sich, typisch Gewohnheitstier, hauptsächlich nach links, der Wildwechsel kommt hier aber eben auch von rechts, und das hautnah. Aber ein wenig Flexibilität kann man von Öko-Ignoranten ja erwarten. Und wenn man schon bei Ignoranz ist: Die hoch komplexe Beschilderung des Fußgängerbereichs in der Markt- und Max-Eyth-Straße scheint ebenfalls eine intellektuelle Überforderung darzustellen, also wird sie beflissentlich ignoriert - und das mit Schrittgeschwindigkeit hat sich seit E-Unterstützung auch verschoben. Gerade im Querverkehr auf der Marktstraße herrscht deshalb rasanter Wildwechsel. Vor Kurzem aufs Fahrrad gewechselt, um ein besseres Gewissen zu haben, fühl ich mich irgendwie schon wieder schlecht.

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