Kirchheim

„Jedermann“ rauscht auf zwei Rädern durch Kirchheim

Deutschland-Tour Das Rennen für „ambitionierte Hobbyfahrer“ führte gestern als Parallelveranstaltung zur vierten Profi-Etappe durch die Teckstadt. Am Max-Eyth-Haus war auch das Publikum besonders ambitioniert. Von Andreas Volz

Die Bilder zeigen den Weg der Jedermann-Tour über die Kirchheimer Alleenstraße: Von der Einmündung am Max-Eyth-Haus (oben), vorb
Die Bilder zeigen den Weg der Jedermann-Tour über die Kirchheimer Alleenstraße: Von der Einmündung am Max-Eyth-Haus (oben), vorbei am Teckboten (links oben), am Alten Teckboten und an der Bastion, bis zum Kreisel am Schwarzen Adler (links unten).Fotos: Mirko Lehnen

Kirchheim als Nabe(l) der Fahrradwelt? Ansatzweise konnte gestern ein solches Gefühl aufkommen, führte doch die Jedermann-Tour als Parallelprogramm der Deutschland-Tour mitten durch die Teckstadt. Jedermann? Nicht in dem Sinn wie in Salzburg. Fast jeder dieser Jedermänner (unter die sich auch so manche „Jederfrau“ gemischt hatte) machte den Eindruck, als säße er öfters im Sattel als irgendwo sonst.

Entsprechend begeistert zeigt sich deshalb das Kirchheimer Publikum - ob der sportlichen Leistung, 117,5 Kilometer und rund 1 300 Höhenmeter zu bewältigen. Der Zeitrahmen, der dafür zur Verfügung steht, liegt zwischen 2:57 und 5:22 Stunden. Selbst letzteres ist nicht jedermanns Sache. Aber immerhin haben - laut offizieller Ergebnisliste - 1 678 Radsportler die Distanz innerhalb der erlaubten Zeit bewältigt. Das zeigt, dass die Umschreibung der Jedermänner als „ambitionierte Hobbyfahrer“ durchaus zutreffend ist.

Beim Publikum in Kirchheims Innenstadt sind die Ambitionen dagegen völlig unterschiedlich verteilt: Freundlichen Beifall bekommen die Radfahrer am Postplatz. Teils frenetischen Jubel spenden dafür die rund 50 Zuschauer weiter oben, an der Linkskurve in die Alleenstraße. Und gänzlich still verhalten sich die Beobachter am Schwarzen Adler, obwohl sie dort am Kreisel ebenfalls an einer vergleichsweise scharfen Linkskurve stehen.

Völlig unterschiedlich ist auch das Verhalten verschiedener weiterer Verkehrsteilnehmer, die ganz andere Interessen verfolgen als die ambitionierten Jedermann-Radler: Kurz bevor um 11.45 Uhr die ersten sieben Radfahrer am Postplatz vorbeirauschen, überqueren noch zwei Senioren mit ihren Rollatoren die Strecke. Später sind es Radfahrer, die beim Alten Teckboten die Alleenstraße überqueren wollen. Sie sind aber anders gekleidet als die Jedermänner, und auch ihre Räder sehen ganz anders aus: Sie kommen vom Martinskirchplatz, aus dem Ökumenischen Kino-Gottesdienst. Verzweiflung dagegen bei einigen Autofahrern, die von der Straßensperrung überrascht sind und sich jetzt als Geiseln des ambitionierten Radsports betrachten.

Da hat es also vereinzelt nicht ganz so geklappt mit der Kommunikation. Bei den Radfahrern klappt es dafür umso besser. Der unbedarfte Zuschauer freut sich zunächst, weil es den Anschein hat, als würden die Sportler das Publikum grüßen. Auffällig ist allerdings, dass diejenigen, die da winken, immer die linke Hand benutzen. Und die erheben sie auch nicht ordentlich zum Gruß, sondern strecken sie eher nach unten aus. Ein vereinzelter Ausruf - „Links!“ - macht dann deutlich: Die grüßen nicht, die geben nur nach hinten weiter, dass demnächst eine heftige Kurve kommt.

Die Kurve nicht ganz gekriegt

Bei einem nutzt das alles nichts: Er kommt bei der Fußgängerampel vor dem Max-Eyth-Haus ins Straucheln. Sein Rad trägt ihn aus der Kurve. Kurzzeitig geraten auch einige Mitfahrer in Gefahr. Aber schließlich geht doch noch einmal alles gut: Die anderen sitzen weiterhin fest im Sattel, und auch der unglücklich Gestürzte berappelt sich, legt seine Kette wieder ordnungsgemäß auf die Zahnräder und setzt seine Fahrt fort. Unbeschadet wohl, denn seine Startnummer taucht in der Ergebnisliste auf: Er hat die Strecke in deutlich weniger als vier Stunden bewältigt. Vielleicht hat ihm ja das Kirchheimer Publikum geholfen. Als er weiterradelt, gibt es nämlich Szenenapplaus für ihn.

Die Kommunikation unter den Radlern funktioniert indessen nicht nur mittels Zeichensprache und kurzen Zurufen. Einige unterhalten sich auch richtig. So schnappt man im Vorübergehen die Frage auf: „Wie heißt der Ort?“ Empört macht man sich Gedanken über die passende Antwort - etwa: „Der Ort ist eine Stadt, eine Große Kreisstadt sogar, namens Kirchheim unter Teck. Und überhaupt: Unter allen Kirchheims dieser Welt ist das unter der Teck das größte von allen, mit Abstand.“

Ist aber alles gar nicht nötig, der Gesprächspartner im Sattel sagt, unverkennbar schwäbisch: „Kirchheim“. Alles gut, würde nicht kurz darauf ein anderer scherzen: „Kirchheim am Neckar“. Das ist ja wirklich ganz falsch, denn während die Jedermann-Tour mitten durch Kirchheim unter Teck führt, lässt die Profi-Tour Kirchheim am Neckar haarscharf links liegen.

Plötzlich dann der persönliche Gruß eines vorbeiradelnden „Jedermanns“ an die anwesende Lokalpresse. Ein kurzer Blick, und schon ist klar: Das ist einer, der nicht fragen muss, wie der „Ort“ heißt. Er ist hier nämlich Bürgermeister, Erster Bürgermeister. Und für Günter Riemer gilt das olympische Motto vom Dabeisein. Immerhin ist er am Ende auch in der Ergebnisliste dabei, auf Platz 1 662 von 1 678 Gelisteten. Wenn das keine Punktlandung ist!

Deutschlandtour/ Jedermanntour Station Kirchheim Teck
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