Kirchheim

Kino in Zeiten der Hitzewarnungen

Sommernachtskinobetreiber ziehen schon vor dem Abschlusswochenende eine positive Bilanz

Dem Kirchheimer Sommer­nachtskino 2016 steht noch ein Wochenende bevor, und dann ist es schon wieder Geschichte. Zeit also für ein erstes Resümee.

Kirchheim. Erstaunlich, dass Reimund Fischer, der durchaus zu Su­perlativen neigt, nur von einem „erfolgreichen“ Kinosommer in Kirchheim spricht. Sein Kompagnon Joachim Borkowski meint dagegen: „Das war sehr erfolgreich – ein sehr gutes Jahr.“ Unabhängig von dieser kleinen Nuance in der Bewertung sind sich die beiden aber darin einig, dass Kirchheim etwas ganz Besonderes ist unter den Open-Air-Kinos in Süddeutschland.

Joachim Borkowski hebt die „hohe Identifikation der Leute hier“ hervor. Interessant findet er es auch, wenn ihm Kinobesucher stolz berichten, bei welch schlechtem Wetter sie schon einen ganzen Film über ausgeharrt haben. Reimund Fischer hat dafür volles Verständnis: „Das ist ja auch toll, wenn man sieht, dass sich die wetterfesten Klamotten in der Praxis bewähren. Ganz unvorbereitet kommt man jedenfalls nur einmal.“

Dieses Jahr waren die Wettervorbereitungen fast immer unnötig. Vereinzelt nieselte es einmal, aber die Mehrzahl der Kinoabende ließ sich bis zum Abspann kurzärmelig erleben. Nur ein Abend war total verregnet: ausgerechnet bei einem Familien- oder Kinderfilm. Doch selbst in diesem Fall, bei „Ice Age 5“, nahm das Publikum den Zusatztitel „Kollision voraus“ als Herausforderung an und scheute weder Kollisionen mit den Temperaturen noch mit dem Regen.

Dabei sucht sich das Publikum zunehmend außer dem Film auch das passende Wetter aus: So freuen sich Reimund Fischer und Joachim Borkowski nicht nur über „den besten Vorverkauf aller Zeiten“, der um 20 Prozent über dem bisherigen Rekordjahr lag, sondern auch über die größten Steigerungsraten an einzelnen Tagen. Reimund Fischer: „Das gab es öfters, dass wir morgens gerade mal 100 Karten im Vorverkauf weg hatten, und bis zum Abend waren es 550.“

Das heißt, dass die Menschen immer spontaner werden, aber auch, dass sie stärker aufs Wetter achten. Joachim Borkowski: „Bei der Wettervorschau gibt es ja nur noch Extreme. Ein ganz normales Gewitter wird da gleich zum Starkregen mit Sturmböen.“ Aber diesen Sommer hatten die Open-Air-Kino-Betreiber eher das umgekehrte „Problem“: „Es gab Hitzewarnungen für Kirchheim.“

Nicht schlecht also, dass das zweitägige Sonderprogramm „Kinder – Kirche – Kino“ nachmittags in die vergleichsweise kühle Martinskirche führte. Die Filme waren durchweg gut besucht, wie Reimund Fischer bilanziert. Kombiniert mit einer anschließenden Turmbesteigung, dürften sich die kleinen Gäste bis in ein paar Jahren zu eigenständigen Sommernachtskinobesuchern entwickeln. Reimund Fischer denkt bekanntlich „nicht in Jahren, sondern in Dekaden“. Und in den nächsten Jahrzehnten geht es ihm vor allem darum, Qualität und Ambiente noch weiter zu steigern: „Hier geht es ja nicht ausschließlich um Kino und Filme. Es geht darum, die Seele baumeln zu lassen, zu verweilen, zu genießen.“

Am besten scheint das derzeit in Verbindung mit französischen Komödien zu gelingen: „Davon hatten wir fünf im Programm, und alle liefen großartig“, stellt Joachim Borkowski fest. Er selbst war aber, völlig zu Recht, besonders von „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ angetan und fand es schade, dass dieser Film, trotz besten Wetters, nicht ganz so regen Zuspruch gefunden hat.

Es ist ohnehin schwer, die „richtigen“ Filme auszuwählen. Besonders polarisiert habe „Toni Erdmann“: „Da haben wir lange diskutiert. Aber wir müssen auch so einen Film bringen. Manchen hat er überhaupt nicht gefallen, und andere haben uns sehr gelobt dafür.“ – Ähnlich zwiespältig wurde die Neuverfilmung von „Ben Hur“ aufgenommen, die im Sommer­nachtskino gleich zum Deutschland-Auftakt zu sehen war. Der Film um Freund- und Leidenschaften sowie um unterschiedliche Loyalitäten ist sicher empfehlenswert – bis zum Ende des Wagenrennens. Was danach kommt, ist leider der furchtbarste amerikanische Kitsch und nichts anderes als Kino zum Abgewöhnen.

Aber man steckt ja vorher nicht drin – genau wie beim Stromausfall am vergangenen Sonntag. Das konnte vorher auch keiner ahnen. Und dennoch hat sich das Sommernachts­kino gerade in dieser Ausnahmesituation bestens bewährt: Sowohl die Betreiber als auch die Zuschauer haben einfach Ruhe bewahrt und den Film eben mit leichter Verzögerung genossen. Das ist schließlich kein großes Problem bei „Birnenkuchen mit Lavendel“ – einem dieser französischen Komödien-Selbstläufer.

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