Kirchheim

Kirche stellt sich der Vergangenheit

Reichspogromnacht Eine Gedenkstunde in der Martinskirche erinnert an das Versagen der Kirche gegenüber Theologen jüdischer Herkunft. Von Peter Dietrich

Bildungsreferent Dr. Markus Geiger spricht bei der Gedenkstunde „82 Jahre Reichspogromnacht“ in der Martinskirche.Foto: Peter Di
Bildungsreferent Dr. Markus Geiger spricht bei der Gedenkstunde „82 Jahre Reichspogromnacht“ in der Martinskirche. Foto: Peter Dietrich

Der 9. November war in der deutschen Geschichte mehrfach bedeutsam: Am 9. November 1918 ging mit der Ausrufung der Republik das Kaiserreich zu Ende, fünf Jahre später scheiterte der Hitlerputsch. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. An jenem furchtbaren 9. November 1938, also vor 82 Jahren, b­rannten in Deutschland die Synagogen. Ein Verbrechen mit jahrelanger Vorgeschichte, betonte ­Peter ­Treuherz bei der Gedenkstunde in der Kirchheimer Martins­kirche. Der Boykott jüdischer Geschäfte begann am 1. April 1933, am 7. April wurde die Ausgrenzung jüdischer Mitbürger im „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ festgelegt. ­„Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen“, zitierte ­Treuherz einen Überlebenden.

Peter Treuherz gehört zum Vorbereitungsteam der Gedenkstunde, zu der das Evangelische Bildungswerk, die Evangelische Stadtkirchengemeinde und die Stadt Kirchheim eingeladen hatten. Die anderen im Team sind Pfarrer Jochen Maier, Bildungsreferent Dr. Markus Geiger, Werner Dohrn und Willi Kamphausen und Günter Riemer. Durch Corona hatte sich die Planung komplett geändert: Aus der Präsenzveranstaltung wurde eine Live-Übertragung in YouTube. Die beiden geplanten Referenten, Professor Dr. Jörg Thierfelder und Dr. Eberhard Röhm, konnten nicht kommen.

Auch ohne die beiden Referenten blieb es beim geplanten Thema, dem Schicksal von Theologen jüdischer Herkunft, gegenüber denen die Kirche jämmerlich versagt hat. 180 Einzelbiografien haben Thierfelder und Röhm in ihrem siebenbändigen Standardwerk versammelt. Zwei davon standen in der Mitte der Gedenkstunde. Hans Ehrenberg war Pfarrer in Bochum und ein Mann der Bekennenden Kirche. Er forderte öffentlich, dass sich die Kirche mit verfolgten Christen jüdischer Herkunft solidarisiert, und wurde wüst beschimpft. Im Jahr 1937 forderte die NSDAP-Gauleitung mehrmals seine Entlassung. Als Reserveoffizier und Teilnehmer des Ersten Weltkrieges fiel Hans Ehrenberg unter eine Ausnahmeregelung, doch Recht und Gesetz galten 1937 nur noch wenig. Karl Koch, Präses der westfälischen Bekenntnissynode, fürchtete den Streit mit dem Staat, dem Konsistorium in Münster und dem Oberkirchenrat in Berlin. So empfahl er Hans Ehrenberg, er solle von sich aus die Versetzung in den Ruhestand beantragen. Die Gestapo verhängte über Ehrenberg ein Rede- und Predigtverbot, nach der Reichspogromnacht 1938 wurde er ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Im März 1939 wurde er entlassen, weil er Einreisepapiere nach England vorweisen konnte.

Das zweite Beispiel: Fritz Majer-Leonhard hatte eine jüdische Mutter, deshalb übernahm ihn die württembergische Landeskirche nicht in den Pfarrdienst. Doch sie vermittelte ihm eine Stelle als kaufmännischer Angestellter. Seine Ausbildung als Vikar konnte Fritz Majer-Leonhard erst nach dem Krieg beginnen, ab 1947 war er Pfarrer in Feuerbach. Damit erging es ihm besser als manchen Schicksalsgenossen. Manche haben sich nach dem Krieg vergeblich um eine Pfarrstelle beworben: In den Personalreferaten der Kirchenleitungen saßen teils noch - oder wieder - diejenigen, die früher die Dienstentlassung betrieben hatten.

„1938 lebten nur noch 18 jüdische Mitbürger in Kirchheim“, sagte Günter Riemer. In der Folge hätten Flucht, Vertreibung und Ermordung alle Spuren jüdischen Lebens beseitigt. „82 Jahre später müssen wir über Verantwortung reden, wenn es darum geht, andere Menschen zu schützen, die benachteiligt sind. Es gibt keinen Ersatz dafür, dass wir friedvoll und tolerant miteinander umgehen.“ Auch Peter Treuherz betonte die nötigen Folgen des Gedenkens: „Wir müssen entschieden gegen menschenverachtende Vorstellungen und Gedanken Widerspruch einlegen und widerständig werden.“

Zwischen allen Stühlen

„Evangelische Christen jüdischer Herkunft saßen zwischen allen Stühlen“, sagt Bildungsreferent Dr. Markus Geiger. Die Kirchen waren selbständig, deshalb war der „Arierparagraph“ vom 7. April 1933 für sie nicht bindend. Doch die Praxis sah anders aus. Nachdem die „Deutschen Christen“ (DC) bei den Kirchenwahlen im Juli 1933 in den Kirchen der altpreußischen Union die Macht erobert hatten, wurde im September 1933 in etwa der Hälfte der protestantischen Kirchen in Deutschland der Arierparagraph eingeführt. Nicht so in Württemberg, doch auch hier wurden drei Theologen mit jüdischen Vorfahren - einer davon Fritz Majer-Leonhard - nicht in den Pfarrdienst übernommen. Auch die Anfragen von drei Theologen jüdischer Herkunft aus DC-geführten Landeskirchen, in den württembergischen Kirchendienst übernommen zu werden, wurden abgelehnt. Fünf dieser DC-Kirchen schlossen 1939 alle jüdischer Gemeindemitglieder aus.

Die Schuld der Kirche an den eigenen Gemeindegliedern habe in der Stuttgarter Schulderklärung von 1945 keine Erwähnung gefunden - genauso wenig wie die Shoah insgesamt, bedauert Bildungsreferent Markus Geiger. „Es braucht Jahrzehnte, bis dieser Mangel offen ausgesprochen werden durfte“, sagt er. Heute geht die Kirche offen damit um, wie zuletzt bei einer Gedenkveranstaltung am Originalort der Schulderklärung, der Stuttgarter Markuskirche.pd

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