Kirchheim

Kirchheim dreht durch

Spielzeug In Knallgelb, mit LED oder Lautsprecher: „Fidget Spinner“ gibt es an jeder Ecke. Der Trend aus Amerika ist auch in der Teckstadt angekommen. Ob jung oder alt – die Kirchheimer lieben den Handkreisel. Von Melissa Seitz

„Fidget Spinner“ gibt es in allen Farben und Variationen. Am besten drehen sich aber die metallenen Handkreisel.Fotos: Markus Br
„Fidget Spinner“ gibt es in allen Farben und Variationen. Foto: Markus Brändli

Anton nimmt das metallene Ding zwischen zwei Finger. Es sieht aus wie eine Mischung aus

Propeller und Ninja-Wurfstern. Der Elfjährige stößt es mit einem Finger leicht an, und schon dreht es sich, sekundenlang, ohne Unterbrechung. Ganz überzeugt sieht der Junge aber nicht aus. Er greift zum nächsten, ein Captain-America-Model, schubbst ihn an und grinst: „Der dreht sich besser.“ „Fidget Spinner“ sind das neue Trendspielzeug. Was 2016 „Pokémon Go“ war, ist jetzt der Handkreisel. Seit der Trend aus den USA nach Deutschland he­rübergeschwappt ist, ist klar: Wer dazugehören will, hat einen der bunten Kreisel in der Hand.

„Das beruhigt total

Theres Keller hat einen „Fidget Spinner“ aus Metall ergattert. Die Kirchheimerin kennt sich mit den Handkreiseln aus - und das im Alter von 73 Jahren. Wenn sie über den Monatsmarkt in Kirchheim läuft, bleibt sie an jedem Stand stehen, an dem sie angeboten werden. „Mein Enkel hat gesagt, der metallene Spinner mit den Zacken läuft am besten“, sagt die Seniorin und zeigt auf einen regenbogenfarbenen Handkreisel. Genau so einer liegt jetzt bei Theres Keller im Wohnzimmer - und er wird auch jeden Tag benutzt. Die Kirchheimerin sitzt dann auf ihrem Sofa und beginnt, den zackigen Spinner zu drehen. „Das beruhigt mich total“, schwärmt sie. Ihr Mann kann die Begeisterung nicht teilen, doch das ist ihr egal.

„Manchmal versuche ich, den Spinner auf jedem einzelnen Finger zu balancieren“, erzählt Theres Keller. Inan Kas weiß, wovon die 73-Jährige spricht. Er verkauft auf dem Kirchheimer Monatsmarkt „Fidget Spinner“ in verschiedenen Farben, aus Plastik oder Metall. An seinem Stand haben schon einige Neugierige die ein oder anderen Tricks ausprobiert. Wer sich intensiv mit dem flachen Handkreiseln beschäftigt, merkt: Die können nicht nur gedreht werden. Im Internet gibt es Anleitungen zum Nasen-Spinner, dem Finger-Hüpf-Trick oder dem Hand-Wechsel-Trick. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt - vorausgesetzt, man kann die Balance halten.

Besonders beliebt sind die metallenen Spinner, verrät Inan Kas. Und das hat einen Grund. Bei ihnen ist das Kugellager in der Mitte des Spinners am besten. Das bedeutet: längerer Drehspaß. Wer ein bisschen tiefer in die Tasche greift und in die metallene Variante investiert, darf sich freuen: „Die Kugellager kann man austauschen, wenn sie kaputt gehen“, erklärt Inan Kas. Grenzenloser Spinner-Spaß also.

Beim Kirchheimer Monatsmarkt reiht sich ein Stand an den anderen, und jeder zweite bietet Handkreisel an. Manchmal bedecken sie einen kompletten Stand, manchmal findet man sie zwischen Geldbeuteln und Handyhüllen.

„Fidget Spinner“ mit Musik

Am Stand von Alec Klinge ertönt laute Musik. Das ist kein Radio und auch kein Handy, sondern ein grüner „Fidget Spinner“ mit Lautsprecher. Alec Klinge weiß, dass es nicht nur auf die Schnelligkeit des Handkreisels ankommt, auch die Optik und Besonderheiten machen den Reiz aus. Nadine Sihler hat es das Exemplar mit Bluetooth-Lautsprecher angetan. „Der ist für meinen 13-jährigen Sohn“, erzählt sie, „eigentlich mag er nur Blau und kein Grün. Aber den wird er lieben.“ Für ihn ist das Spielzeug beruhigend, und die Mama ist zufrieden: „Besser er spielt damit, als dass er die ganze Zeit auf Pokémon Go rumhängt.“

Ob die bunten Handkreisel tatsächlich entspannend wirken, ist umstritten. Fakt ist aber, die runden Scheiben mit Kugellager wurden für Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen oder Autismus entwickelt. „Fidget Spinner“ sind für Dr. Gunter Joas, Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Esslingen, ein vorübergehendes Phänomen. Ob die farbigen Handkreisel einen medizinischen Zweck haben, bezweifelt er: „Wissenschaftliche Studien darüber sind mir nicht bekannt.“ Leiden Kinder an ADHS, kann der Spinner laut dem Chefarzt die Hyperaktivität bündeln und die Konzentration steigern. Doch er warnt: Das richtige Maß ist entscheidend. „Fokussiert sich das Kind nur darauf, haben wir einen gegenteiligen Effekt“, meint der Experte - Ablenkung statt Konzentration.

In manchen Schulen sind sie genau aus diesem Grund nicht gerne gesehen. Für viele Kinder geht der Drehspaß dann erst nach dem Unterricht los.

„Fidget Spinner“ gibt es in allen Farben und Variationen. Am besten drehen sich aber die metallenen Handkreisel.Fotos: Markus Br
Am besten drehen sich aber die metallenen Handkreisel. Foto: Markus Brändli

Wer hat‘s erfunden?

Catherine Hettinger soll der schlaue Kopf hinter den weltweit beliebten „Fidget Spinner“ sein. Den ersten Prototyp will die Amerikanerin aus Zeitungen und Klebeband gebastelt haben. Das Patent konnte sie sich jedoch nicht leisten und verlor somit die Rechte an der Erfindung.Patentexperten zweifeln aber daran, dass die heute 63-Jährige den ersten „Fidget Spinner“ hergestellt hat.

Fakt ist, die Erfindung entpuppt sich als Goldgrube. Der Handelsverband Spielwaren schätzt, dass die Deutschen bereits eine Million Euro für „Fidget Spinner“ ausgegeben haben.sei

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