Kirchheim

Kirchheim gedenkt

Erinnerungskultur Am morgigen Volkstrauertag wird das neu geschaffene Mahnmal für die zivilen Opfer des Nationalsozialismus auf dem Alten Friedhof der Kirchheimer Bevölkerung übergeben. Von Andreas Volz

Morgen wird das neue Mahnmal auf dem Alten Friedhof öffentlich vorgestellt.Foto: Jean-Luc Jacques
Mahnmal auf dem Alten Friedhof in Kirchheim. Foto: Jean-Luc Jacques

Von außen wirkt es wie ein Zaun Marke Eigenbau, den ein eher ungeschickter Heimwerker sich nach Feierabend zusammengebastelt hat. Und dennoch hat es dieses Metallkonstrukt auf dem Alten Friedhof in sich: Im Inneren sind Sprüche angebracht, mit denen zivile Opfer des Nationalsozialismus in Ich-Botschaften auf sich und ihre unterschiedlichen Schicksale aufmerksam machen.

Erstmals soll das Mahnmal am morgigen Sonntag im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stehen: Die Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf dem Alten Friedhof beginnt um 11 Uhr zunächst wie immer - mit Musik und Gedichten, also mit Gedanken und Gedenken, bis hin zur Kranzniederlegung am Denkmal für die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege. Am Ende aber geht die ganze Versammlung einmal quer über den Friedhof, um auf der gegenüberliegenden Seite das Mahnmal für die zivilen Opfer „einzuweihen“.

Auch dort wird gelesen. Unterschiedliche Einwohner Kirchheims lesen die Botschaften der einzelnen Spruchbänder vor. „Das geht quer durch die ganze Gesellschaft“, sagt Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker im Vorfeld der besonderen Gedenkveranstaltung. „Wichtig ist es, dass wir ganz unterschiedliche Stimmen gefunden haben.“ Besonders freut sie sich über die Beteiligung von Jugendlichen aus dem Mehrgenerationenhaus Linde. Immerhin hatten sich viele Jugendliche auch schon in der Konzeptionsphase mit der Auswahl der Sprüche beschäftigt.

Forschungsprojekt zu Euthanasie-Opfern

Quer durch die Gesellschaft gehen auch die Opfergruppen, derer das Mahnmal gedenkt. „Ein Großteil davon ist schon gut erforscht, durch die Schriftenreihe“, stellt Kirchheims Stadtarchivar Frank Bauer fest, „seien es Juden, Sinti und Roma oder auch Zwangsarbeiter.“ Auch zu den „Euthanasie“-Opfern laufe derzeit ein Forschungsprojekt. Eine weitere Gruppe, die ganz neu in den Blick genommen werden soll, sind die Homosexuellen.

Hinzu kommt noch das Gedenken an die Opfer, die mitunter verdrängt werden, weil man sie dem Tätervolk zuordnet: In Kirchheim sind das die Opfer der Luftangriffe, die Kriegswitwen und -waisen, aber auch die Heimatvertriebenen, die ab 1945 aus dem Osten kamen.

Für Angelika Matt-Heidecker bedeutet das, dass so gut wie alle Kirchheimer einen Bezug zum Mahnmal finden können - wenn sie sich in diesem Zusammenhang mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen. Frank Bauer weist sogar auf Universelles hin: „Der Holocaust ist ein globales Thema. Er ist definitiv kein Thema, das außer Juden und Deutschen niemanden betrifft.“

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