Kirchheim

Kirchheim ist die Wiege der Reformation

Archäologie Nach der Untersuchung historischer Dachziegel aus der Sakristei der Martinskirche liefert Rainer Laskowski den schlüssigen Beweis, dass Luthers Thesen in Kirchheim entstanden sind. Von Andreas Volz

Klosterführung mit Laskowski
Klosterführung mit Laskowski

Aufsehenerregende Thesen leitet Kirchheims Chef-Archäologe Rainer Laskowski aus einer nun abgeschlossenen Untersuchung historischer Ziegel ab, die sich im Dachraum der Martinskirchen-Sakristei befunden hatten: „Wir sind da auf sogenannte Feierabendziegel aus dem 15. Jahrhundert gestoßen. Das waren die jeweils letzten Ziegel, die vor Feierabend gefertigt wurden. Sie zeichnen sich aus durch besondere Zeichen und Texte, die hineingeritzt wurden.“ Was an sich schon ein bedeutender archäologischer Fund wäre, bekommt - durch die Brisanz der erhaltenen Textfragmente - welthistorische Bedeutung: „Es gibt deutliche Parallelen zu Luthers 95 Thesen.“ Wirklich sensationell wird das erst durch die Datierung: „Form und Bearbeitung der Dachziegel lassen darauf schließen, dass sie um das Jahr 1450 gebrannt worden sein müssen.“

 

Rainer Laskowski bringt die Bedeutung seines Fundes auf den Punkt: „Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei Luthers berühmten Thesen um ein Plagiat. Die Originalthesen stammen nicht aus Wittenberg, sondern aus Kirchheim.“ Wer jetzt einwenden wollte, dass das 500 Jahre später keine große Rolle mehr spielt, den macht Rainer Laskowski auf aktuelle Auswirkungen aufmerksam: „Zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Wittenberg gibt es dieses Jahr einen bundesweiten Feiertag. Den müsste man jetzt eigentlich zurücknehmen. Unsere moderne Arbeitswelt ist da einem historischen Betrug aufgesessen.“

 

Immerhin geht mit dem zusätzlichen Feiertag eine enorme volkswirtschaftliche Belastung einher. Wenn ganz Deutschland an einem Dienstag Ende Oktober feiert, anstatt zu arbeiten, geht dadurch die Jahres-Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent zurück. Das mag sich prozentual nicht nach sehr viel anhören, aber die absolute Zahl beeindruckt dennoch: Führende Wirtschaftsforscher beziffern die Wertschöpfung an einem einzigen Arbeitstag auf über zehn Milliarden Euro. Dieses Geld pulverisiert sich jetzt - wegen eines Feiertags, den es gar nicht geben dürfte.

 

Klosterreform steht am Anfang

 

Wie lässt sich erklären, dass Luthers Thesen ausgerechnet in der Kirchheimer Martinskirche in ihrer Urfassung vorliegen, die gut 30 Jahre vor Luthers Geburt entstanden sein muss? Und wie konnte Luther jemals davon erfahren?

 

Auch für diese Fragen hat Rainer Laskowski seine eigenen Thesen parat: „Immer wieder tauchen auf den Ziegeln die Buchstaben ,AB‘ auf. Das ist wie eine Signatur, wie eine Art Copyright-Vermerk.“ Bei diesen Initialen in der Zeit um 1450 muss Rainer Laskowski nicht lange grübeln: „Es gibt einen prominenten Geistlichen, auf den die Buchstabenkombination passt - Albert Binzwang.“

 

Binzwang war einer von sieben Klosterkaplänen - am Altar des Evangelisten Johannes. Urkundlich nachgewiesen ist er 1432 und 1470. Der Grabplatte zufolge ist er 1474 gestorben. Bislang beschränkte sich die Bedeutung des Kaplans darauf, dass sein Grabstein der einzige ist, der sich aus der Kirchheimer Klosterzeit erhalten hat. Jetzt aber zeigt sich, dass dieser Stein völlig zurecht die Reformation „überlebte“. Schließlich scheint Binzwang persönlich die Reformation durch seine geritzten Thesen ausgelöst zu haben.

 

Wahrscheinlich fand der Kaplan seine eigenen Thesen „zu heiß“. Er wusste - keine 40 Jahre, nachdem Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil verbrannt worden war -, dass ihm ein ähnliches Schicksal droht. Vielleicht spürte er auch, dass die Zeit noch nicht reif war. Luthers Verdienst dagegen bleibt es, den rechten Zeitpunkt erkannt zu haben, zu dem er Binzwangs Thesen öffentlich machen konnte.

 

Auch wie Luther an die Thesen gelangt sein könnte, erklärt Rainer Laskowski: „Auf seiner Rom-Reise 1510 hatte er eine westliche Route eingeschlagen.“ Demnach kam er über Ulm und Biberach an den Bodensee. Ulm ist für Rainer Laskowski das Verbindungsglied. Dort gab es ein Augustiner-Chorherren-Stift. Luther selbst war 1505 in Erfurt in das Kloster der Augustiner-Eremiten eingetreten.

 

Weil es bei seiner Rom-Reise um Streitigkeiten zwischen observanten Konventen und solchen mit freierer Auslegung der Ordensregel ging, passt auch die Verbindung zum Kirchheimer Frauenkloster, das 1487/88 - nur wenige Jahre zuvor - mehrere Belagerungen zu überstehen hatte. Grund dafür war ebenfalls der Gegensatz zwischen strenger Observanz und weltlichen Tendenzen. Die Observanten, zu denen auch Luther gehörte, waren an einer Reform, einer Rückbesinnung auf alte Werte interessiert. Auch vor diesem Hintergrund ist die spätere Reformation zu sehen.

 

Im Hinblick auf seine neuen Erkenntnisse über die Ursprünge der Reformation - und wegen der Bedeutung Wittenbergs für die bisherige Geschichtsschreibung - spricht Rainer Laskowski vom „Witti-Plag“, das er aufgedeckt hat. Zur Bekräftigung fügt er noch einen weiteren Zirkelschluss an: „Als das Kirchheimer Frauenkloster ab 1539 größtenteils abgerissen wurde, erinnerte sich wohl noch jemand an die Botschaft der alten Dachziegel und brachte sie in Sicherheit. Was lag näher, als sie in die Martinskirche zu bringen, als Dank dafür, dass ein anderer Martin den Ideen Binzwangs zum Durchbruch verholfen hatte?“

Ziegel aus der Martinskirche waren bereits 2014 im Kornhaus ausgestellt.Foto: Markus Brändli
Ziegel aus der Martinskirche waren bereits 2014 im Kornhaus ausgestellt.Foto: Markus Brändli
Die Grabplatte Albert Binzwangs prangt seit 2012 am Kirchheimer Finanzamt.Foto: Carsten Riedl
Die Grabplatte Albert Binzwangs prangt seit 2012 am Kirchheimer Finanzamt.Foto: Carsten Riedl

Verkauf faksimilierter Feierabendziegel

Im Chor der Martinskirche verkauft die Kirchengemeinde am heutigen Samstag ab 11 Uhr Faksimiles der historischen Dachziegel aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die faksimilierten Ziegel haben eine limitierte Auflage von 95 Stück - als Reminiszenz an die 95 Thesen. Der Einzelpreis beträgt 11,11 Euro und ist ebenfalls symbolisch zu verstehen. Er erinnert an den Martinstag am 11. 11. Der Erlös der Verkaufsaktion ist für die Innenrenovierung der Martinskirche bestimmt.vol

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