Kirchheim

Kirchheim setzt Zeichen gegen Gewalt

Gedenken Die Initiatoren des Kirchheimer Mahnmals für zivile Opfer des Nationalsozialismus haben ihr Projekt mitten in der Stadt vorgestellt – Spendenaktion geht unvermindert weiter. Von Andreas Volz

Die Künstlerin Monika Majer zeigt am Modell, wie das Mahnmal auf dem Alten Friedhof in Kirchheim ab November seine Betrachter gl
Die Künstlerin Monika Majer zeigt am Modell, wie das Mahnmal auf dem Alten Friedhof in Kirchheim ab November seine Betrachter gleichsam hineinziehen soll - mitten hinein in die Schicksale von Opfern des Nationalsozialismus.Foto: Carsten Riedl

Ein Denkmal nimmt Gestalt an, erst einmal in Form eines Modells. Anhand dieses Modells und anhand vieler persönlicher Gespräche haben die Initiatoren des Kirchheimer Mahnmals für die zivilen Opfer des Nationalsozialismus „Werbung“ für ihre Idee gemacht: Unter den Rathausarkaden standen sie Rede und Antwort - unter anderem auch, wenn es um kritische Nachfragen wegen einzelner Sätze ging, deren Formulierung eigentlich nicht ganz korrekt ist.

„Wegen meiner Behinderung hat man mich in Grafeneck vergast.“ Das ist nur ein Beispiel für mehrere Sätze, die bei manchen Betrachtern für Kopfschütteln sorgen - nicht nur wegen des furchtbaren Schicksals, das dahintersteckt. Dass an die Opfer von Grafeneck, wie an viele andere auch, erinnert werden soll, sorgt natürlich nicht für Kopfschütteln, sondern eher für zustimmendes Kopfnicken. Kritisiert wird allerdings, dass da jemand in der ersten Person über seinen eigenen Tod spricht. Das geht formell nicht.

Deswegen ist am Infostand Überzeugungsarbeit zu leisten, warum trotzdem solche Sätze ausgewählt wurden. Es ist vielleicht die konsequente Umsetzung der Idee, den stummen Opfern eine Stimme zu geben, ihnen ihre eigene Stimme zurückzugeben. Mit dieser eigenen Stimme können sie posthum Anklage erheben gegen das Unrecht, das ihnen einst angetan wurde. Sie „sprechen“ auf den rostigen Spruchbändern, die den Kern des Mahnmals bilden.

Worum es in den kurzen Sätzen geht, die auf biografische Details verzichten, zeigt die etwas sperrig formulierte Grundidee des Mahnmals: Es soll erinnern an die „Opfer staatlich angeordneter oder staatlich geduldeter Gewalt unter der Zivilbevölkerung aus allen Nationen oder Religionen, die mit Kirchheim oder Kirchheimer Familien in Bezug stehen“ - und zwar im Zeitraum von 1933 bis 1945. Der Bezug zu Kirchheim kann in diesem Zeitraum über Jahre hinweg bestanden haben - etwa bei Otto Mörike, der von 1935 bis 1938 als Pfarrer in Kirchheim wirkte und sich dabei offen gegen den Nationalsozialismus aussprach. Zu seinem Schicksal gehört der Satz: „Deswegen wurde ich von meinen Mitmenschen verspottet, bespuckt und ins Gefängnis geprügelt.“

Der Bezug zu Kirchheim kann sich aber auch daraus ergeben, dass eine Familie erst nach dem Zweiten Weltkrieg und nach den Vertreibungen eine neue Heimat in Kirchheim fand. So kommt es eben auch zu dem Satz „Ich bin auf der Flucht aus dem Osten im Mai 1945 zu Tode vergewaltigt worden.“ Was sich genau hinter diesem Schicksal verbirgt, soll unter anderem in einer Broschüre über das Mahnmal nachzulesen sein.

Zunächst aber gilt es, noch Spenden zu sammeln, um sowohl das Denkmal auf dem Alten Friedhof als auch später die Broschüre finanzieren zu können. Wer jetzt am Infostand keine Möglichkeit hatte, die „Schwarze Kasse“ - die schwarz gestrichene und leicht zweckentfremdete Wahlurne des Kirchheimer Gemeinderats - zu füllen, kann auch unter dem Betreff „Denkmal“ auf das Spendenkonto der Stadt Kirchheim einzahlen, IBAN: DE88 6115 0020 0048 3011 56.

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